documenta fifteen

Lumbung: Der indonesische Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, um hier die überschüssige Ernte einer Gemeinde zu sammeln, zu lagern und zu verteilen. Dieses Prinzip transferiert die documenta in die Kunstwelt. Gedanken von gerechter Verteilung und Gemeinschaft sind das Motto der diesjährigen Weltkunstschau. Das indonesische Kollektiv Ruangrupa, das die künstlerische Leitung der documenta fifteen innehat, will  »Lumbung« praktizieren. Demnach stehen künstlerische Prozesse  von Kollektiven im Zeichen dieser documenta. Weg von Egoismus und Individualismus, hin zu Gemeinschaftssinn, Netzwerkstrukturen, Ressourcenverteilung, Kooperationen und Nachhaltigkeit. Das sind die Werte, die das Kollektiv Ruangrupa auf der documenta fifteen umsetzen will. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta: »Es zählen Solidarität, Teilhaben und Gemeinwohlorientierung statt Individualität, Profitgier und Machtstreben.« Angela Dorn, Ministerin für Wissenschaft und Kunst in Hessen: »Es gelte nicht das einzelne Werk, sondern der Prozess, die Vision und das Miteinander.« Und Kulturstaatsministerin Claudia Roth versprach: »Das wird eine neue, sehr provokative, auflösende Form von Kunst und Kultur sein...man könne sich freuen auf eine ‘Produktive Debatte’.« So weit so gut.

Vorfeld: Allerdings wurde bereits im Vorfeld zur documenta dem indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa von jüdischen Organisationen und einem Bündnis gegen Antisemitismus in Kassel vorgeworfen, Organisationen mit einzubeziehen, die das Existenzrecht  Israels in Frage stellen oder einen Boykott des Landes unterstützen. Von Antisemitismus war die Rede, von zu großer Nähe zum BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen). Hingegen betonen documenta-Leitung, Kurator:innen und Politik vehement, dass Antisemitismus auf der documenta ein absolutes no go sei und wiesen die Vorwürfe zurück. Eine Diskussionsreihe im Vorfeld der Kunstschau sollte den Vorwürfen begegnen, wurde aber kurzfristig abgesagt. Der notwendige Diskurs fand nicht statt.

 »People’s Justice«: Das metergroße Protestbanner des Künstler:innenkollektivs Taring Padi, das erst nach der offiziellen Eröffnung gezeigt wurde, geriet wegen seiner offensichtlich antisemitischen Ikonografie zweier Figuren in die Kritik. Ein Soldat mit Schweinsgesicht, dem Schriftzug »MOSSAD« auf dem Helm und Davidstern auf dem Halstuch sowie eine Figur mit Vampirzähnen, Hakennase, dem Zeichen der SS auf dem Hut und langen Schläfenlocken. Zunächst war geplant nur die beiden antisemitischen Figuren zu verhängen, dann das gesamte Banner. Letztendlich wurde es dann zu Recht abgehängt. Step by step. Für Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, ist die Arbeit eine klare Grenzüberschreitung, »die Bilder lassen überhaupt keinen Interpretationsspielraum zu. Das ist klare antisemitische Hetze.« Der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte »gleichermaßen den Antisemitismus der Künstler:innen wie die mangelnde Verantwortung der Ausstellungsmacher.« Claudia Roth: »das ist aus meiner Sicht antisemitische Bildsprache«.

Entschuldigungen: »Es sei versichert worden, dass auf der 15. documenta keine antisemitischen Inhalte zu sehen sein würden. Dieses Versprechen haben wir leider nicht gehalten«, so Sabine Schormann. »Wir haben alle darin versagt, in dem Werk die antisemitischen Figuren zu entdecken...Es ist unser Fehler. Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, die Schande, Frustration, Verrat und Schock, die wir bei den Betrachtern verursacht haben....und wir nutzen diese Gelegenheit, um uns über die grausame Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus weiterzubilden«, betont das Kollektiv Ruangrupa. »Antisemitismus hat weder in unseren Gefühlen noch in unseren Gedanken einen Platz. Man bedaure, dass das Werk ‘People’s Justice’ so viele Menschen beleidigt habe. Man habe aus dem Fehler gelernt und erkenne jetzt, dass die Bildsprache im historischen Kontext Deutschlands eine spezifische Bedeutung bekommen habe.« (Taring Padi)

Rücktrittsforderungen: Obwohl es zahlreiche Rücktrittsforderungen gibt, sei es von Volker Beck (DIG-Präsident und ehemaliger Grünen-Bundestagsabgeordneter, sei es von Josef Schuster (Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland), will Sabine Schormann an ihrem Amt festhalten. »Bei schwerer See geht ein Kapitän nicht von Bord«, so Sabine Schormann.

Überprüfung: »Es ist nicht Aufgabe der Geschäftsführung, alle Werke vorab in Augenschein zu nehmen und freizugeben, das würde dem Sinn der documenta widersprechen, das ist Kernaufgabe der künstlerischen Leitung«, so Schormann. Angesichts der Materialfülle habe sich Ruangrupa »leider nicht jedes Bild mit der Lupe anschauen können, obwohl dies hinsichtlich des sensiblen Themas Antisemitismus zugesichert war«. Nun will sie »weitere kritische Werke« gemeinsam mit Ruangrupa und Meron Mendel überprüfen.

Fragen über Fragen: Die Politik zeigt sich empört und ruft nach Aufklärung. Verantwortung wird nun hin- und hergeschoben. Schuldzuweisungen machen die Runde. Angela Dorn hat Ruangrupa im Visier: »Die künstlerische Leitung wurde einem Kollektiv übertragen und nicht einem einzelnen Kurator oder einer einzelnen Kuratorin, hat offenbar dazu geführt, dass die Sorgfalt und die Verantwortung des Kuratierens gelitten haben.« Wie konnte das passieren, wer trägt die Verantwortung, sind strukturelle oder personelle Veränderungen notwendig, hat sich das Prinzip des Kollektivs bewährt? Muss die documenta  »vom überheblichen Paradigma der Weltkunstschau Abschied nehmen«. (Hito Steyerl). Fragen über Fragen, die nicht en passant zu beantworten sind, sondern einer intensiven Aufarbeitung bedürfen.

Keineswegs ist der gesamten documenta, den mehr als 1500 Künstler:innen und dem Kollektiv  Ruangrupa pauschal Antisemitismus vorzuwerfen. Das ist ebenso falsch, wie es richtig war, das Banner abzuhängen. Trotzdem oder gerade deshalb lohnt nach wie vor ein Besuch der documenta, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen.

»Party for Öyvind« im Kunstverein Hamburg.

 Die Gruppenausstellung »Party for Öyvind« betrachtet den Künstler Öyvind Fahlström und befreundete Künstler:innen, wobei insbesondere die Frauen im Fokus stehen, die bisher weitgehend von der Kunstgeschichte ignoriert worden sind. Nach einer ersten Station im Tinguely Museum in Basel wird die Ausstellung, ergänzt durch weitere Leihgaben der Sammlung Falckenberg und neu konzipiert, im Kunstverein in Hamburg gezeigt. Der Ausstellungstitel ist inspiriert von der Einladungskarte, die Claes Oldenburg 1967 anlässlich des Geburtstags von Öyvind Fahlström (*1928, São Paolo) und seiner ersten Einzelausstellung in der Sidney Janis Gallery in New York an Freund:innen verschickte. Bei der Party versammelten sich hunderte internationale Künstler:innen aus den Bereichen Dichtung, Theater, Literatur, Musik, Tanz und Film und bildende Kunst. »Party for Öyvind« spiegelt diese Zeit wider, die von den Herausforderungen der Nachkriegszeit geprägt war, die aber auch einzigartige Möglichkeiten für eine neue Art von Offenheit und Verspieltheit bot. Vom 2. Juli bis 10. Oktober 2022. Info: Kunstverein in Hamburg, Klosterwall 23, 20095 Hamburg, Fon 040/322157, Fax 040/322159. www.kunstverein.de

Goldener Löwe für Katarina Fritsch und Cecilia Vicuñaie.

Die deutsche Künstlerin Katarina Fritsch und die Chilenin Cecilia Vicuña erhalten den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für ihr Lebenswerk in der Sparte Kunst. Die 66-jährige Fritsch ist eine bildende Künstlerin, die seit den 1980er Jahren mit ihren Plastiken internationale Anerkennung erlangt hat. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seit 2001 hat sie eine Künstlerische Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster (Hochschule für Bildende Künste). Ihr berühmtestes Werk ist sicher der alle Dimensionen sprengende »Rattenkönig« (1993), eine Skulptur aus 16 im Kreis angeordneten, fast drei Meter hohen Ratten, deren Schwänze sich - getreu dem literarischen Mythos - in der Mitte verknotet haben. Fritschs Beitrag zur zeitgenössischen Kunst und insbesondere zur Bildhauerei ist unvergleichlich«, kommentierte die Kuratorin der Biennale Cecilia Alemani. Cecilia Vicuña ist eine chilenische Poetin, Bildhauerin, Malerin, Installations- und Performancekünstlerin. Biennale-Kuratorin Alemani würdigte Vicuña als »eine Künstlerin und Dichterin, die sich seit Jahren für die Bewahrung der literarischen Werke vieler lateinamerikanischer Schriftsteller einsetzt«. Vicuña habe sich um die Übersetzung und Herausgabe von Anthologien südamerikanischer Poesie engagiert, die ohne ihr Zutun verloren gegangen wären.