Portrait

»Me sens tu par terre, petit jeux, cheveux dans la poussière. Source solaire, je suis sorcière. Tête dans les airs, vénère, endocrinien androgyne, sans ovaire, j’ai rdv à 9h, douceur du coeur à 9h, j’ai des attentes à 9h, mésentente à 9h, j’ai des humeurs à 9h, sueur fureur à 9h. À 9h ou à n’importe quelle heure (...)«, 2018, Rennes Biennale, Rennes, installation view. Courtesy of the artist and High Art, Paris / Arles

Textauszug

Julien Creuzet
Der französisch-karibische Künstler Julien Creuzet untersucht die Prozessualität von Kulturen vor der Folie seiner eigenen französischkaribischen Herkunft. Seine Arbeiten formulieren dabei auf eine durchaus humorvolle, tiefgründige und emotionale Art sein Unbehagen an überkommenen, klar konturierten, oftmals postkolonialen Identitätsvorstellungen. Was die materialreichen und äußerst komplex arrangierten Installationen Creuzets gleich auf den ersten Blick kennzeichnet, ist ihre Vielansichtigkeit. Diese resultiert aus der Kombination meist stark farbiger, skulpturaler Elemente mit Sound und Videobildern sowie der unausgesprochenen Aufforderung an die Betrachter:innen, nicht einfach irgendwo stehen zu bleiben, sondern sich mit Neugier und Aufnahmebereitschaft durch den Ausstellungsraum zu bewegen.

In Julien Creuzets Studio entstehen daraus mitunter an posthumane Wesen erinnernde Körper voller historischer, soziologischer oder philosophischer Referenzen. Um eindeutig dechiffrierbare Botschaften oder stark vereinfachte Narrative allerdings geht es Julien Creuzet dabei nicht. Was ihn interessiert, ist die Ko-Existenz unterschiedlicher Wahrheiten und kultureller Schichtungen. In seinen Arbeiten visualisiert er Anachronismen und nicht auflösbare Gegensätze, zwischenmenschliche Konflikte, historische Verantwortung und soziale Realitäten, zu denen zweifelsohne auch die Kolonialgeschichte, postkolonialistische Verhältnisse, der Alltagsrassismus in der französischen Gesellschaft und die tiefgreifenden Veränderungen durch den Klimawandel gehören. Geschichte, Technologie, Geografie, Geopolitik und Ausformulierungen des (künstlerischen) Selbst (als Produkt dieser Umstände) spiegeln sich am Ende in prekär ausbalancierten, dreidimensionalen, multimedial zusammengesetzten Objekten wider, die oft raumgreifend vom Boden bis zur Decke arrangiert sind.

Symbolische Genealogien, historische Spuren, Verwundungen und Narben schreiben sich im individuellen und kollektiven Bewusstsein von einzelnen Menschen und Gemeinschaften fest. Wie aber können sie künstlerisch visualisiert werden? Zu Julien Creuzets bevorzugten Materialien gehört, wie bereits gesagt, Plastik in diversen Zuständen des Verfalls und der Bearbeitung. Es lohnt sich, gerade auf dieses Material etwas genauer einzugehen. Welches moderne Material ist aufgrund seiner Wandlungsfähigkeit und seiner allgemeinen Verfügbarkeit wohl geeigneter als Plastik, um künstlerisch bearbeitet zu werden? Bereits Roland Barthes kam in seiner 1957 erstmals in Paris erschienenen Anthologie »Mythen des Alltags« zu folgender Erkenntnis: »Das Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung, es ist, wie sein gewöhnlicher Name anzeigt, die sichtbar gemachte Allgegenwart. Und gerade darin ist es ein wunderbarer Stoff: das Wunder ist allemal eine plötzliche Konvertierung der Natur. Das Plastik bleibt ganz von diesem Erstaunen durchdrungen: es ist weniger Gegenstand als Spur einer Bewegung.« Obwohl hier eine gewisse naive Begeisterung über die erstaunliche Wandlungsfähigkeit des Materials mitschwingt und die Umweltaspekte zum damaligen Zeitpunkt noch komplett ausgeklammert bleiben, beschreibt Barthes bereits die aus heutiger Sicht natürlich zweischneidige Fluidität des Materials, die sich auch Julien Creuzet immer wieder zu eigen macht. Barthes kommt auch zu einer bis heute gültigen Erkenntnis, was die Farben des Plastiks betrifft: »...denn es scheint nur die besonders chemischen fixieren zu können: Gelb, Rot, Grün, es behält von ihnen allein das Aggressive, gebraucht sie einzig wie einen Namen, der nur in der Lage ist, Begriffe von Farben zur Schau zu stellen.« Betrachtet man die Installationen von Julien Creuzet, so fällt sofort auf, dass auch bei ihm die grelleren Farben dominieren. Aus dieser starken visuellen Aufladung resultiert jedoch keineswegs eine plumpe Plakativität.

Die Rückkoppelung an das reiche intellektuelle Erbe der Karibik und insbesondere an das seiner Heimat Martinique gehört zu den Grundpfeilern im Werk Julien Creuzets. Die Bezüge etwa zu dem französischen Schriftsteller, Dichter und Philosophen Édouard Glissant (1928-2011), dem zentralen Vordenker postkolonialer Kulturtheorie und des Multikulturalismus, liegen auf der Hand. Der von Glissant zwar nicht erfundene, aber in den poststrukturalistischen philosophischen Diskurs eingeführte Begriff der „Kreolisierung“, also der gegenseitigen kulturellen Angleichung und Beeinflussung zweier ursprünglich unabhängiger Gruppen, seien es Ethnien oder Sprachgruppen, kennzeichnet wie kein anderer die kulturelle Landschaft der Karibik und der karibischen Diaspora etwa in europäischen Metropolen wie London, Paris oder Amsterdam. Dazu Glissant: »Kreolisierung bedeutet, daß die in Kontakt gebrachten kulturellen Elemente unbedingt als ›gleichrangig‹ gelten müssen, sonst kann die Kreolisierung nicht wirklich stattfinden […] Die Kreolisierung verlangt die wechselseitige Wertschätzung der heterogenen Elemente, die zueinander in Beziehung gesetzt werden, das heißt, dass in Austausch und Mischung das Sein weder von innen noch von außen herabgesetzt oder missachtet wird.« Und weiter: »Es ist eine Mischung aus Kunst, Gebräuchen und Sprachen, aus der das Unvorhersehbare entsteht.«

Die Verankerung des Werks Julien Creuzets in seiner französisch-karibischen Heimat samt dem Echoraum ihrer Philosoph:innen, Denker:innen, Musiker:innen und bildenden Künstler:innen mischt sich mit der Verwendung »armer« Materialien, die in der kunsthistorischen Tradition der Arte Povera stehen. Die Vielschichtigkeit seiner Arbeiten verweist auf historische Zusammenhänge und aktuelle Befindlichkeiten, deren Geheimnisse nicht vollständig gelüftet werden. Eigentlich wäre Julien Creuzet ein Künstler gewesen, den man auf der diesjährigen documenta gern gesehen hätte. Aber für einen ausgesprochenen Individualisten wie ihn ist zwischen den vielen eingeladenen Kollektiven wohl kein Platz.

Nicole Büsing / Heiko Klaas