vergriffen

Artist Ausgabe Nr. 125

Portraits

Nora Olearius | Jean-Luc Mylayne | Marina Naprushkina | Michael Müller

Interview

Meike Behm

Page

Dieter Froelich

Portrait

Refugees’ Library, 2013-2015, Dead Souls / German Money and Migration Politics in the World, 2014 - 2015, Wall painting 4 m x 11m, The Kyiv International – Kyiv Biennial 2017, Visual Culture Research Center, Kyiv

Textauszug

Marina Naprushkina
Keine Zeit für Kunst« lautete der Titel von Marina Naprushkinas Ausstellung in der Berliner Galerie Wedding, die sie gemeinsam mit dem »Moabit Mountain College« erarbeitet hat. Diese vier im Kunstbetrieb vielleicht provozierenden Worte ihres Titels bringen einerseits die zeitraubende Notwendigkeit, den Lebensunterhalt mit nicht künstlerischer Arbeit verdienen zu müssen, ins Spiel. Zudem und vor allem aber lassen sie nicht von ungefähr an Günter Anders Begründung denken, warum er sich nicht mehr intensiv mit Moralphilosophie auseinandersetzte: »Die Sachen selbst waren mir stets wichtiger«. Und unter »Sachen« verstand der Autor von »Die Antiquiertheit des Menschen« (1956) vor allem die desaströsen Aussichten der Menschheit angesichts der atomaren Aufrüstung, die ihn dazu zwangen immerhin zeitweise aktivistisch tätig zu sein. Politische »Sachen« sind es eben auch, die Marina Naprushkina immer wieder davon abbringen sich mit Kunst zu beschäftigen, zumindest mit einer Kunst, die als nichtengagierte Kunst »gerne die drohende Sintflut verschliefe« (Theodor W. Adorno), um sich als autonomes Kunstspiel gefallen zu können. Andererseits war es Joseph Beuys, der mit den Worten, dass »er keine Zeit habe krank zu sein«, auf die dringende Notwendigkeit seiner eigenen politisch motivierten künstlerischen Arbeit hinwies. Genau diesen Widerspruch von einem unbedingten Willen, die Welt (über) lebenswert für Alle zu gestalten, und dem real-existierenden Drang der Kunst, in unseren »postdemokratischen« (Chantal Mouffe) Zeiten, eine im Sinne von Günter Anders »unsachliche Kunst« zu sein, sieht sich die in Berlin lebende Künstlerin, die an der Frankfurter Städelschule u. a. bei Martha Rosler studierte, immer wieder ausgesetzt. Aufzulösen sucht Naprushkina diesen Widerspruch dann mit einer künstlerischpolitischen Strategie, die als konsequente Weiterentwicklung von Joseph Beuys Idee einer »sozialen Plastik« verstanden werden kann.

In ihrer Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des »Moabit Mountain College« verzichtet die Künstlerin also bewusst auf eine »singuläre« Autorenschaft und setzt vielmehr auf eine »multiple« Autorenschaft (Christine & Irene Hohenbüchler), der es dann gelingt, Gemeinschaftsgefühl und Teilhabe produktiv umzusetzen. Auch so erklärt sich das Motto ihrer Ausstellung »Keine Zeit für Kunst«, das auf einem roten(!) Banner in der Galerie Wedding zu lesen ist: »Alles für Alle«.

Immer wieder hat Naprushkina in den letzten Jahren auch an wichtigen Biennalen, etwa an der 11. Istanbul Biennale 2009, der 7. berlin biennale 2011 sowie der Kiew Biennale 2017 und anderen Großausstellungen (politischer Kunst) teilgenommen. So zeigte sie im Rahmen des 2. Berliner Herbstsalon 2015 im Maxim Gorki Theater die beiden miteinander korrespondierden Projekte »Refugees‘ Library« und »Refugees‘ Library – Dead Souls. German Money and Migration Politics in the World«, beide 2013 – 2015. »Refugees Library« ist ein über mehrere Jahre zusammengetragenes Archiv von protokollierten Gerichtsprozessen, in denen verhandelt wurde, ob Flüchtlinge in einem Land aufgenommen wurden oder nicht. Juristische Willkür ist diesen auf Tischen mitten im Raum präsentierten Protokollen ebenso ablesbar wie latenter Nationalismus und asoziale Gleichgültigkeit an dem Schicksal der zum Teil unter Lebensgefahr geflüchteten Menschen.

Teil des beeindruckenden Projektes ist auch, diese Protokolle in möglichst viele Sprachen zu übersetzen, um sie so tendenziell wiederum Allen zugänglich machen zu können. An der Wand des Raumes dann war »Refugees‘ Library – Dead Souls. German Money and Migration Politics in the World« installiert, eine etwa 11 Meter lange Wandarbeit, die Texte und Karten vorstellt, mit denen die Flüchtlingspolitik Europas kritisch diskutiert wird: Geschlossene Grenzen - Stichwort: die menschenverachtende Arbeit der »Grenz- und Küstenwache« Frontex - für Menschen an den Rändern Europas, offene Grenzen aber für Europas neoliberale Wirtschaft, die einen möglichst unbehinderten Warenfluss fordert – so lautet prägnant das skandalöse Ergebnis der künstlerischen Analyse.

Raimar Stange