vergriffen

Artist Ausgabe Nr. 125

Portraits

Nora Olearius | Jean-Luc Mylayne | Marina Naprushkina | Michael Müller

Interview

Meike Behm

Page

Dieter Froelich

Portrait

Schloss Neuschwanstein, 2020, aus der Serie Malen nach Zahlen, Installation, 4 Bilder je 44,5 x 22,5 cm gerahmt, 1 Objekt 45 x 25 cm, Acryl und Stempelfarbe auf Millimeterpapier, 3D Druck PLA. Foto: Franziska von den Driesch

Textauszug

Nora Olearius
Im Jahr zuvor war Olearius mit dem Bremer Förderpreis für Bildende Kunst ausgezeichnet worden. Sie überzeugte die Jury mit einem Beitrag, der die Präsentation der Nominierten klug und mit subtiler Ironie reflektierte. Die Künstlerin errechnete aufwendig das Volumen des Ausstellungsraumes und setzte diese ins Verhältnis zu den Volumina der gezeigten Werke. Die Papiere mit den Skizzen, Messungen und Kalkulationen klebten in Schrift- und Zeichnungscharakter an der Wand. Der Quotient erschien noch einmal separat eingeritzt,wie eine bleibende Spur der Schau. Die Berechnungen kamen schlüssig daher, das Ergebnis gab sich diesen entsprechend exakt. Die Aufgabenstellung und die Verknüpfung der Daten warf allerdings Fragen auf. Sind die Zahlen von relevanten Tatbeständen abgeleitet? Wozu dienen die angewandten Rechenoperationen im Kunstkontext? Welchen Erkenntnisgewinn schaffen Quantifizierung und Objektivierung im ästhetischen Feld der sinnlichen und subjektiven Rezeption?

Olearius zeigt sich trotz ihres Bewusstseins für die Geschichte des Stoffes von dem Erbe und der Komplexität unbeeindruckt. Verschiedentlich deutet sie Referenzen an, integriert diese aber in origineller und frischer, medial und formal wie auch in der Haltung heutig wirkender Weise. Geometrische Abstraktion interessiert sie weniger, Konzeptkunst klingt schon eher nach. Struktur und Betrachtung des Kunstbetriebs mit quantitativen Größen und als System von materiellen Werten und Macht generierenden Funktionen ist ein Leitmotiv. Schon Timm Ulrichs hat das Kunstwerk in seinem Realgewicht bemessen und die Negierung eines ideellen und immateriellen Wertes problematisiert. Yves Klein versah absolut gleiche blaue Monochrome mit unterschiedlichen Preisen, ein Sinnbild für die Beliebigkeit des Marktgeschehens.

Olearius hat einen anderen Ansatz, sie agiert aus dem Zentrum der kalkulatorischen Ratio. Wenn sie die höchsten Erlöse der Verkäufe von Kunstwerken ihrer Kollegen und Kolleginnen erhebt, summiert und gegenüberstellt, dann begibt sie sich ganz in das Reich der Rechenkünste, übernimmt den Ansatz der Objektivierung und Rationalisierung, schafft Vergleichbarkeit und Messbarkeit, beachtet Widerspruchsfreiheit und Geschlossenheit des Systems. Sie bringt ihre Datenerhebung auf Millimeterpapier und stellt die Resultate flächig in anschaulicher Unterscheidung gegenüber. Die Visualisierung der quantitativen Bewertung eines Bildes wird an der Ausstellungswand zum Kunstobjekt, ein Ineinandergleiten zweier Welten, die real verknüpft sind, formal interagieren, aber inhaltlich tendenziell aneinander scheitern.

In ihrer jüngsten Ausstellung in der Städtischen Galerie Bremen betrachtet Olearius nicht nur Zahlen und Rechenoperationen als spezifisches Zeichensystem im Verhältnis zur Kunst. Sie beleuchtet auch Sprache, die mindestens ebenso problematisch ist in ihrer Anwendbarkeit und Aussagefähigkeit für die visuellen Tatbestände der Bildenden Kunst. In einem Video tauchen Wörter auf. Eine lose Folge ohne erkennbaren Zusammenhang. Artikel, Konjunktionen, hin und wieder Adjektive. Grundpartikel der Sprache, offenbar aber auch Elemente eines spezifischen Codes. Olearius entnahm sie den Jurybegründungen der weltweit höchstdotierten Kunstpreise. Ausgewählt hat sie die am häufigsten verwendeten Wörter. Die Erhebung legt nahe, dass Begriffe dominieren, die dem Tatbestand der Floskel ziemlich nahe kommen. Statements, die erläutern sollten, was eine künstlerische Position vom Feld der Mitbewerber abhebt, operieren mit einem Vokabular, das flächendeckend Anwendung finden könnte. Wirklich überraschend ist das nicht, kommt doch verwendete Sprache allgemein mit einem verschwindend kleinen Wortschatz aus. Der Großteil der zur Verfügung stehenden Wörter taucht selten auf.

Rainer Beßling