vergriffen

Artist Ausgabe Nr. 125

Portraits

Nora Olearius | Jean-Luc Mylayne | Marina Naprushkina | Michael Müller

Interview

Meike Behm

Page

Dieter Froelich

Portrait

N° 446, Novembre 2006 - Janvier 2007, Collection Mylène et Jean-Luc Mylayne © Jean-Luc Mylayne, Courtesy Gladstone Gallery, New York, Brüssel; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

Textauszug

Jean-Luc Mylayne
Das mag sich nach wenig anhören, ist aber in Wahrheit ganz viel. Für den Betrachter, der sich auf die Bilder Jean-Luc Mylaynes einlässt, entwickeln sie einen außerordentlichen Reichtum an Farben und Formen, Nuancen und Verweisen. Was an ihnen fesselt, ist zuerst einmal, wie sie überhaupt zustande kommen. Bei nur flüchtiger Betrachtung, könnte man meinen, es bei vielen Bildern mit Landschaftsaufnahmen zu tun zu haben, weil man den Vogel als Protagonisten auf ihnen nur schwer oder überhaupt nicht wahrnimmt. Oder der Vogel figuriert so prominent im Bild, dass man geneigt ist, das Foto für einen gelungenen Schnappschuss zu halten.

Nichts könnte weniger richtig sein. Der »moment décisif «– ein Begriff, den Henri Cartier-Bresson einst prägte, um zu demonstrieren, dass er für den Bruchteil einer Sekunde früher als andere Fotografen erkannte, welche über sich hinausweisenden, metaphorischen Qualitäten ein Motiv besaß, und in diesem »entscheidenden Moment« den Auslöser seiner Kamera betätigte – hat für das Zustandekommen der Aufnahmen von Jean-Luc Mylayne keinerlei Bedeutung. Oder besser: Er funktioniert ganz anders. Der »moment décisif« seiner Fotografien ist präzise geplant und genau komponiert. Und zwar über einen langen, manchmal sehr langen Zeitraum hinweg. Wie wichtig der Aspekt der Zeit für Mylayne ist, machen die Legenden seiner Bilder deutlich. Sie geben nie den Aufnahmeort an oder die Bezeichnung der abgebildeten Vogelart, immer aber die Zeit, die der Fotokünstler aufgewandt hat, um das Bild zu machen. Es dauert in der Regel mehrere Monate, kann unter Umständen aber auch Jahre in Anspruch nehmen. Letzteres ist der Fall bei einer berühmten Serie aus neun Bildern, »Nr. 47, 48, 49«, die Mylayne wie in einem Tableau als zusammenhängendes Ensemble präsentiert. Sie wurden in dem Zeitraum Oktober 1984 bis Juli 1986 geschaffen. So lange dauerte es, bis der Fotograf das Vertrauen des Vogels auf den Bildern gewonnen hatte, sodass dieser am Ende wie ein Schauspieler für den Künstler agierte. Wobei Mylayne sich über Pfeiflaute mit dem Vogel verständigte. Nicht von ungefähr spricht er von den Vögeln, die er aufnimmt, als von seinen »acteurs«.

In den Legenden seiner Werke notiert das Künstlerpaar nicht allein die Zeit, die es gebraucht hat, sie zu schaffen, sondern es nummeriert sie auch fortlaufend durch. In ihrer chronologischen Präsentation bilden sie in gewisser Weise das visuelle Tagebuch ihres beruflichen Lebens ab.

Die Zeitvorstellung hinter den Aufnahmen erinnert an den Begriff der Dauer (la durée) im Werk des französischen Denkers Henri Bergson, dessen Schriften der philosophisch gebildete Mylayne kennen dürfte. Wahre Zeit, so die These Bergsons, lässt sich weder messen noch rational analysieren, sondern nur intuitiv erfassen. Sie bildet sich als ständiges Werden und Vergehen im Strom unseres Bewusstseins ab. Mylayne selbst hat in diesem Zusammenhang auf die Griechen der Antike verwiesen, die zwischen zwei Formen der Zeit unterschieden, die sie in den Göttern Chronos und Kairos personifiziert sahen: Chronos ist die in Minuten und Stunden unterteilte Zeit, wie sie der Chronometer, die Uhr, uns anzeigt. Eine quantitative Kategorie! Kairos dagegen meint den einmaligen, günstigen und unwiederholbaren Augenblick, den es zu erhaschen und am Schopfe zu fassen gilt. Eine qualitative Kategorie! In den Aufnahmen Mylaynes sind beide Götter gegenwärtig. Konkret auf die Zeit verweist die Aufnahme »Nr. 446«. Sie zeigt eine goldene Steppenlandschaft vor einem blauen Himmel. Mylayne hat das Bild mit einem Fischauge-Objektiv aufgenommen, sodass die Steppe das Rund einer Sonnenuhr simuliert. Ein Kaktus in der Bildmitte fungiert als Gnomon, als Schattenstab, der die Illusion einer Sonnenuhr perfekt macht. Unten links flüchtet in schneller Bewegung ein Vogel, eine Grundammer, aus dem Bild. Und mit ihr eine Zeit, die flieht. Tempus fugit. Sie steht gegen die Durée, die Dauer einer eher immobilen Zeit.

Hier wird im Übrigen ebenfalls deutlich, was Mylayne einmal als Gestaltungsprogramm für sich genannt hat: »Je sculpte la lumière.« Mit dem Licht zu arbeiten. Es zu formen. Aber er gestaltet nicht nur das Licht, er arbeitet als Maler-Fotograf (Peintre-Photographe) auch sehr bewusst mit der Farbe. Im Werk von Jean-Luc Mylayne ist die wunderbare Farbigkeit unübersehbar. Man könnte meinen, der Künstler habe sie mit dem Ehrgeiz der frühen Piktorialisten geschaffen, die am Liebsten Maler gewesen wären und versuchten, mit der Kamera zu malen. Vor allem in den Fotografien, die er im Zuge eines Stipendiums schuf, das ihn in 2003 als artist in residence mit seiner Frau nach New Mexiko und in den folgenden vier Wintern nach Texas führte, konnte er diese Leidenschaft ausleben. Das klare Licht, das den Himmel noch blauer und die Erde noch goldener aussehen ließ, als sie es ohnehin schon waren, kam ihm dabei entgegen. Kein Wunder, dass er dort auch den Bluebird ins Herz schloss, der sich das Land zum Überwintern aussucht.

Michael Stoeber

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