Portrait

(Holzer, Nadin and Other Artists), Baby Blue, 1981, Cibachrome (museum box), 28 1/2 x 37 1/4 x 1 inches, 72,4 x 94,6 x 2,5 cm, © Louise Lawler, Metro Pictures, New York, Sprüth Magers Berlin und / and London

Textauszug

Louise Lawler
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Die überraschende komplette Schließung des Museum Ludwig für gut einen Monat zur Neuordnung der Sammlung ließ die Spannung bis zur Wiedereröffnung dramatisch ansteigen. Als am 10. Oktober Neupräsentation und Louise-Lawler-Ausstellung gemeinsam ihre Tore öffneten, wurde schnell klar, dass die Erwartungen nicht zu hoch gesetzt waren. Philipp Kaiser, Jahrgang 1972 und damit einer der jüngsten Museumsdirektoren im Lande, hat nicht nur das gesamte Haus umgekrempelt und dabei eine klare und elegante Inszenierung hingelegt, die zeigt, wie modern und attraktiv der Achtzigerjahre-Bau sein kann. Mit Louise Lawlers »Adjusted« liefert er die Ausstellung zur Ausstellung gleich mit. Lawler (geboren 1947 in New York, wo sie auch heute noch lebt) tritt auf als Kommentatorin, die oft ironisch, aber auch kritisch, in jedem Fall erhellend eine eigene Interpretation beisteuert. So dass sich die Neupräsentation von Anfang an nicht als ein »von höheren Wesen« festgelegter Kanon der relevanten Kunst des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts vorstellt, sondern als Möglichkeit, als sinnstiftende Auswahl, die durch die Verkettung vieler kleiner und großer Geschichten, Zufälle und Synergien so zustande kam und auch ganz anders aussehen könnte.

Die Exponate der eigentlichen Ausstellung setzen Ende der siebziger Jahre mit konzeptuellen und performativen Relikten ein, den sogenannten »Ephemera«. Einladungskarten zu einer Filmvorführung ohne Bild oder zu einer regulären Aufführung des Schwanenseeballetts »… performed by the New York City Ballet«, aber auch massenhaft produzierte Streichholzbriefchen mit Aufschriften wie »An evening with Julian Schnabel«, die sie 1982 am Rande eines Vortrags von Julian Schnabel verteilt, erscheinen als entmaterialisierte Formen subversiver Kritik angesichts einer inflationären Performance- und Eventkultur. Anfang der 1980er Jahre beginnt Lawler, die als ehemalige Mitarbeiterin von Leo Castelli Zugang zum Inner Circle genießt, systematisch Kunstwerke in privaten Sammlungen zu fotografieren. Bis heute versteht sie sich nicht als Fotografin, sondern betrachtet ihre Fotografien als Dokumente einer andauernden Recherche, bei der die sprachliche Ebene zumindest in Form der stets mit Bedacht gewählten Bildtitel eine wichtige Rolle spielt.

In spiralförmiger Bewegung schraubt sich »Adjusted« von unten nach oben durch das Haus. In der ersten Etage sind die Wände rund um die Treppe mit Lawlers Umrisszeichnungen bestückt, den sogenannten »Tracings«, eine der vielen von ihr eingesetzten Methoden zur Paraphrasierung ihrer eigenen Werke. Nie zuvor erschien dieses Treppenhaus so skulptural und gleichzeitig weiträumig! Die von einem Kinderbuchzeichner ausgeführte Übertragung ihrer Bilder in Zeichnung lässt sehr viel Weiß zwischen den schwarzen Linien. Aufgedruckt auf Klebefolie lassen sie sich je nach den Raumverhältnissen beliebig vergrößern und an anderen Orten wiederholen. Einige ihrer bekanntesten Arbeiten wie »Hand On Her Back«, »Salon Hodler« oder das frühe »Pollock and Tureen« von 1984 erhalten auf diese Weise eine ganz neue Aufgabe. Reduziert auf die schwarzen Konturlinien wird die Theatralik der Werke und ihre eigene Rezeptionsgeschichte neutralisiert – und auch die Museumswände werden entschleunigt und gedehnt, so dass ein geistiger Raum entsteht.

Sabine Elsa Müller