Interview

Nadja Quante, Künstlerische Leiterin, Künstlerhaus Bremen, Foto: Robert Hamacher

Textauszug

Nadja Quante
J.Krb.: Themen über Themen: Künstliche Intelligenz, Schönheit und Romantik, Duft der Bilder, Weltraum-Utopien, Gender, Klimawandel, Zukunft der SPD, Performancekunst und Geheimdienste, Rechtspopulismus. Ein Nebeneinander widersprüchlicher Themen und Fragestellungen bestimmt derzeit die kuratorische Ausstellungspraxis. Hat sich ein emphatischer Pluralismusbegriff durchgesetzt, sind die Grenzen zwischen Vielfalt und Beliebigkeit fließend geworden?

N.Q.: Die aufgezählten Ausstellungen spiegeln aktuelle Fragestellungen wider. Da gibt es derzeit viele dringliche Themen. Ich habe nicht den Eindruck, dass es heute mehr Themen gibt als früher. Es ist vielleicht eine Frage dessen, wie heute kommuniziert wird. Wahrscheinlich haben sich eher die Kanäle als die Themen diversifiziert. Es gibt hochaktuelle Themen, die ich wichtig und relevant finde, wie den Klimawandel und den Rechtspopulismus. Andere Themen wie die Übertragung von Performance, Sound oder immersive Kunst sind formale Aspekte, die mich interessieren. Und es gibt strukturelle Fragestellungen, wie die Frage danach, wie es möglich ist, ressourcen- und CO2-arm zu kuratieren. Sind die vielen Flugreisen, die zum Lifestyle einer Kuratorin oder eines Kurators gehören, überhaupt alle so notwendig? Wie ist es möglich, eine Kulturinstitution unter fairen Bedingungen für Angestellte und eingeladene Künstler*innen und andere Gäste zu führen? Diese Themen werden nach wie vor leider gar nicht so regelmäßig oder systematisch diskutiert wie die Relevanz oder Überflüssigkeit oder das Scheitern dieser oder jener Ausstellung.

J.Krb.: Ausgangspunkt Deiner kuratorischen Überlegungen sind also Fragen des soziologischen, philosophischen und politischen Diskurses, welche Rolle spielt dabei die Kunst als ästhetisches Feld, das Potenzial des Ästhetischen?

N.Q.: Die Kunst hat für mich sowohl eine reflexive als auch eine sinnliche Kraft – die Kraft, die Dinge auf einer anderen Erfahrungsebene wahrzunehmen, zu beschreiben oder darzustellen und Konstellationen zu generieren, die neue Perspektiven eröffnen. Diese Kräfte sind aber nicht allein der bildenden Kunst vorbehalten, sondern gelten ebenso für die anderen Künste. Aber das, was ich hier beschreibe, gilt nicht für das gesamte ästhetische Feld, denn im ästhetischen Feld – und da möchte ich mich jetzt auf Bourdieu beziehen – gibt es auch viele unterschiedliche Positionen und Bestrebungen zwischen konservativen Kräften, die das bestehende erhalten möchten und experimentellen Positionen, die das Feld erweitern möchten. Es ist immer auch ein Feld von Kämpfen um den Erhalt oder die Veränderung dieses Kraftfelds. Aber genau das ist das Spannende daran, dass es sich immer wieder verändert und neu ausgehandelt wird und in Bewegung bleibt. Ich würde aber sagen, dass die ästhetische Erfahrung nicht unbedingt im Ausstellungsraum oder unmittelbar vor einer künstlerischen Arbeit stattfindet. Da kann ich natürlich nur für mich sprechen, aber manchmal bemerke ich erst später und bei einer ganz alltäglichen Handlung, dass eine Arbeit meinen Blick auf etwas verändert hat.

J.Krb.: »Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei«, so steht es im Grundgesetz. Aber darf ein Künstler alles? Eine Frage, die vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte in den Fokus gerückt ist. Die einen fordern, Werke und Künstler sollen moralisch einwandfrei und politisch korrekt sein, andere pochen auf die Freiheit der Kunst. Die sozialen Medien befeuern die Debatte: Bilder geraten in die Kritik und die Forderung nach Entfernung wird lauter und lauter. Handelt es sich um Zensur oder ist dem Künstler eine Freiheit zum Regelbruch zuzubilligen?

N.Q.: Das Grundgesetz sagt nicht, alle Künstler*innen sind frei, sondern die Kunst. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Die Frage, ob man sich Roman Polanski oder Woody Allen-Filme angucken kann, ist aber auch schon vor #MeToo diskutiert worden (zumindest in meinem Freundeskreis). Grundsätzlich denke ich, dass man Werk und Künstler*in nicht gleichsetzen kann. Kunstwerke beurteile ich nach anderen Aspekten als ich Menschen beurteile, aber in beiden Fällen finde ich es problematisch, wenn sie rassistische oder diskriminierende Werte vertreten. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob eine künstlerische Arbeit diskriminierende Werte thematisiert oder diese vertritt. Ein Arschloch bleibt ein Arschloch und dann interessiert mich, ehrlich gesagt, die Kunst auch weniger.

J.Krb.: Insbesondere die anonyme Aktivistinnen-Gruppe Soap du Jour beklagt einen strukturellen Rassismus in kulturellen Institutionen und prangert die Benachteiligung von Frauen im Kunstbetrieb an. So wurde dem künstlerischen Leiter des Künstlerhaus Bethanien ein »unerschütterliches Engagement für die weiße Männlichkeit« vorgeworfen. Auch wird bei Ausstellungen der Überschuss an »weißen Männern« und das Fehlen der »People of Colour« beklagt. Führen »Cancel Culture« und strikte Polarisierungen »Frau gegen Mann« zu einem Dualismus, der Differenzen nicht aufhebt, sondern stabilisiert?

N.Q.: Ich möchte solche Fragen nicht mit einem Ja oder Nein beantworten, weil es Teil des gleichen Dualismus ist und das Gegenteil von dem, was ich erstrebenswert finde. Die Realität ist viel komplexer. Aber genau das ist ja die Kritik an den Ausstellungen, auf die Du anspielst. Sie bilden diese Komplexität nicht ab, sondern wiederholen Machtstrukturen, gegen die sie vorgeben, sich zu wenden.

J.Krb.: Neben den Kunstvereinen sind die Künstlerhäuser der zeitgenössischen Kunst verpflichtet. Jedoch sind Künstlerhäuser nicht nur reine Ausstellungsorte, sondern verschränken verschiedene Bereiche und Funktionen miteinander. Und das 1992 gegründete Künstlerhaus Bremen?

N.Q.: Hierzu möchte ich aus unserem Leitbild zitieren, das wir im letzten Jahr in einem gemeinsamen Workshop der Mitglieder und Mitarbeiter*innen des Künstlerhaus Bremen erarbeitet haben: »Das Künstlerhaus Bremen fördert die Produktion, Präsentation und Diskussion zeitgenössischer Kunst und Kultur – im regionalen und internationalen Kontext. Wir unterstützen professionelle Künstler*innen durch gute Infrastruktur und bezahlbare Ateliers und erweitern ihre Möglichkeiten für Vernetzung und Präsentation. Auf kulturpolitischer Ebene vertreten wir diese Interessen der Künstler*innen und der Institution. Das Künstlerhaus Bremen ist ein Ort für Begegnung und Austausch. Hier arbeiten Künstler*innen, kreative Betriebe, Verbände und die Galerie interdisziplinär zusammen.«

J.Krb.: Ich habe den Eindruck, dass in den Anfängen des Künstlerhauses die Verschränkung der verschiedenen Bereiche vernachlässigt wurde. Sind diese Verschränkungen mittlerweile Alleinstellungsmerkmal des Künstlerhaus Bremen, lassen sich daraus spezifische Aufgaben und programmatische Schwerpunkte ableiten?

N.Q.: Ich sehe diese Verschränkung unbedingt als Alleinstellungsmerkmal des Künstlerhaus Bremen in der Kunstszene Bremens. Als künstlerische Leitung eines Künstlerhauses bin ich viel stärker in der Pflicht, die Belange von Künstler*innen zu vertreten, als wenn ich in einem Kunstverein arbeite. Ich habe mich als Kuratorin allerdings immer schon auch als Vertreter*in der Interessen von Künstler*innen verstanden. Das heißt, dass ich mich grundsätzlich für Künstler*innenhonorare einsetze und diese in dem mir möglichen Umfang zahle. Ich persönlich habe ein sehr starkes Interesse daran, eine Institution mit zu gestalten und begreife auch das als Teil meiner kuratorischen Arbeit.

J.Krb.: Du zeichnest in Bremen verantwortlich für thematische Ausstellungen wie «SHAME«, »Tender Buttons« und für monografische wie »Alina Schmuch – The Inner Office«, »Jef Geys – Kempens Informatieblad«, »Nona Inescu: Corporealle«, »Dafna Maimon: Mutating Mary«. Ferner für die Präsentation der Jahresgaben und die Abschlussausstellung des Atelierstipendiums. Welche Ausstellung ist davon in besonderer Weise für Deinen kuratorischen Ansatz paradigmatisch?

N.Q.: Die Ausstellungen vertreten alle gleichermaßen, was mich kuratorisch interessiert, sonst hätte ich sie nicht umgesetzt. »Tender Buttons« war beispielsweise die Fortsetzung des langfristigen Projekts TOUCH, an dem ich gemeinsam mit Bakri Bahit und Anna Voswinckel mehr als drei Jahre gearbeitet habe und zu dem wir im Herbst 2018 eine Ausstellung und Veranstaltungen in der nGbK in Berlin realisiert haben. Die Beschäftigung mit der Berührung war aber ebenso in Nona Inescus Ausstellung wiederzufinden. Daher gab es zu »Tender Buttons« und Nona Inescus Ausstellung auch im Rahmenprogramm eine zweiteilige Workshop-Reihe mit der Künstlerin und Tänzerin Emma Howes, in der mit Berührung experimentiert wurde. Dafna Maimons Ausstellung »Mutating Mary« ist wiederum Ausdruck meines Interesses an feministischen Fragestellungen und der kuratorischen Herausforderung, Performance in Ausstellungen sichtbar zu machen. Diese Fragestellung nach der Visualisierung des Absenten wird auch in der Ausstellung von Irina Gheorghe, die ab Mai zu sehen sein wird, wieder eine Rolle spielen.

J.Krb.: Kunst könne Emotionen ausgleichen, gar zum Seelenheil führen, dem Fortschritt dienen und die Menschen zum Besseren erziehen. Parameter, die oftmals die Grundlage niedrigschwelliger Vermittlungsstrategien bilden. Alle sollen teilhaben und mitgenommen werden. Sind diese Strategien sinnvoll?

N.Q.: Ich verstehe die begleitenden Veranstaltungen zu den Ausstellungen als Vermittlungsform. Sie sind ein wichtiger Bestandteil meines Programms. Hierbei versuche ich immer wieder, Leute aus anderen Disziplinen einzuladen, um andere Blickwinkel einzunehmen. Darüber hinaus bieten wir im Künstlerhaus Bremen regelmäßig dialogische Führungen zu den Ausstellungen an und werden dieses Jahr auch dank einer Förderung mit einem speziellen Vermittlungsprojekt starten, welches unterschiedliche Gruppen zum Gespräch in die Ausstellung einladen wird.

J.Krb.: Die Hansestadt gilt als Stadt der kurzen Wege. So könnte man doch erwarten, dass ein ständiger Austausch zwischen Kuratoren, Behörde und Publikum stattfindet. Leider ist zu beobachten: Sofern A nicht zu B geht, dann geht B auch nicht zu A. Wer besucht Deine Ausstellungen, für wen machst Du Ausstellungen?

N.Q.: Ich habe das bisher anders wahrgenommen. Manchmal wünschte ich mir mehr Studierende im Besucherkreis, aber sowas braucht auch einfach Zeit und Kooperationen sind sehr hilfreich, um diese Kontakte zu knüpfen. Die Ausstellungen mache ich für Leute, die neugierig sind, Austausch suchen oder sich mit etwas auseinandersetzen wollen. Jede*r ist willkommen! Wir haben im Künstlerhaus Bremen ein festes Publikum, das sich aber stetig erweitert. So konnten wir im vergangenen Jahr höhere Besucherzahlen vermerken, was mich – auch wenn ich ganz Deiner Meinung bin, dass dies nicht der Maßstab für den Erfolg sein sollte – naturgemäß sehr freut.

Joachim Kreibohm