Portrait

Sopot, 2010, Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm, Courtesy Nachlass Norbert Schwontkowski, Contemporary Fine Arts, Berlin, Foto: Jochen Littkemann
Alle hier abgebildeten Arbeiten waren im Kunstmuseum Bonn zu sehen: Norbert Schwontkowski, »Some of My Secrets«.

Textauszug

Norbert Schwontkowski
Viele Bilder Schwontkowskis erzählen kleine Geschichten, im Fall von »Sopot« vielleicht von der Stimmung an einem Ostseestrand im gleichnamigen polnischen Seebad, nachts, wenn die Schirme eingeklappt und die Menschen verschwunden sind. Der verwaiste Strand verharrt in einem undefinierbaren Dazwischen; er ist nicht mehr der Ort fröhlichen Treibens, doch kann er auch nicht in den Zustand ursprünglicher Natur zurückfinden. Aber das ist eben nur eine der vielen Bedeutungsschichten, die in dieser Malerei stecken. Dahinter lassen sich tiefere Dimensionen erahnen. Die eigentliche Wirklichkeit dieser Bilder ist das Unsichtbare. Je weniger scheinbar darauf geschieht, desto mehr gerinnen sie zu Metaphern für die ganz großen Fragen. Leise, unaufgeregt, mit äußerster Zurückhaltung verhandelt Schwontkowski Zumutungen wie die existenzielle Einsamkeit des Menschen angesichts der Weite des Universums. Seine Beziehungslosigkeit erscheint als seine wahre Sünde. Frierend und mit hochgezogenen Schultern wie diese Schirme trotzt der »der Kälte des Universums«.

Der Trick, dieser raffinierte Dreh, aus einer Banalität wie einer nächtlichen Gruppe von Sonnenschirmen großes Welttheater zu machen, das ist Schwontkowskis Kunst. Er setzt seine Mittel sehr virtuos, dabei aber so ungemein geschickt ein, dass sie immer im Hintergrund bleiben. Da ist zum einen die Rolle des Lichts. In »Sopot« kommt das sehr grelle Licht von vorne, aus dem Raum des Betrachters. Es lässt die Dinge blitzlichtartig, in unnatürlichen Farben und mit scherenschnitthaft vor dem dunklen Hintergrund sich abhebenden Konturen aufleuchten. Es ist ein Effekt wie aus dem Theater, der eine Szene aus dem Dunkel des Unbestimmten für einen Moment heraushebt und zu einem fast greifbar nahen, gestochen scharfen Bild werden lässt, das in das Bewusstsein fällt wie ein Geistesblitz. Erlischt dieses Licht, fällt die gesamte Szenerie ins Dunkel zurück. Erst das Licht holt sie ins Leben.

Das Spannungsverhältnis zwischen materiell und spirituell, profan und sakral lotet Schwontkowskis mit düsterer Skepsis aus, die er als heitere Ironie tarnt. Er malt den Schriftzug »Kino« auf die Fassade einer Kathedrale und lässt in »Open Air« ein übersinnlich wirkendes, die Umgebung »erleuchtendes« Licht von der leeren Leinwand eines Open-Air-Kinos ausstrahlen. In »Unser kosmisches Leben« sind es die Lichter der Großstadt und Namen wie »Cosmos Cinema«, »Galaxy«, »Saturn«, »Solaris« oder »Luna-Bar«, die an die Stelle der Spiritualität getreten sind, in »Spirituell« wiederum konkurriert ein Lagerfeuer, das eine gewaltige Rauchwolke aufsteigen lässt, mit dem Sternenhimmel. Auch ohne zu wissen, dass Norbert Schwontkowski als Schüler ein katholisches Internat besuchte und nach dem Willen seiner Eltern Priester werden sollte, sind die Hinweise auf eine grundsätzliche tiefe metaphysische Auseinandersetzung nicht zu übersehen. Aber auch wenn die Kirche und selbst der Katholizismus immer mal wieder zum Thema werden, sind diese Bilder alles andere als affirmativ. Was sie zeigen ist das Suchen, nicht das Finden.

Norbert Schwontkowski, 1949 in Bremen geboren und dort 2013 gestorben, wäre im letzten Jahr 70 geworden. Das mag einer der Anlässe gewesen sein, die zu der längst überfälligen Ausstellung führten, die im Kunstmuseum Bonn ihren Anfang nimmt (31.10.2019 – 16.02.2020), um von dort nach Bremen in die dortige Kunsthalle (21.03. – 02.08.2020) und schließlich ins Kunstmuseum Den Haag (Herbst 2020 – Frühjahr 2021) zu wandern. Seine erste institutionelle Einzelausstellung hatte Norbert Schwontkowski 1993 im Kunstverein Bremerhaven und dort 2019 eine weitere Ausstellung. Das Kunstmuseum Bremerhaven verfügt über eine umfangreiche Sammlung mit Arbeiten des Bremer Künstlers. »Das, was ich hier in Bremen mache, und das ganze Theater da daußen muss ich auseinanderhalten«, erklärte der Künstler ein Jahr vor seinem Tod. Dass der Katalog schon kurze Zeit nach der Bonner Eröffnung vergriffen war, spricht gegen das Geraune vom Geheimtipp, das seinen Namen immer noch umweht. Inzwischen ist Schwontkowski als bedeutende Position im klassischen Kanon unbestritten – aber er bleibt doch ein Außenseiter, der nicht leicht einzuordnen ist. Natürlich lassen sich Beziehungen herstellen, etwa zur Kunst der Frührenaissance oder auch zu einzelnen Vorbildern wie Philip Guston oder Odilon Redon. Aber insgesamt nimmt er doch eine so eigenständige Sonderstellung ein, wie man es selten findet.

Dieser Umstand wird häufig mit einer einzelgängerischen Zurückgezogenheit erklärt, was allerdings wenig überzeugt, wenn man in der Literatur von seiner Belesenheit nebst umfangreicher Bibliothek, seinen vielen Reisen nach Afrika, Asien, Lateinamerika und in die USA und seinen Professuren für Malerei in Braunschweig (1999 – 2001) und Hamburg (2005 – 2009) erfährt. Am Ende kehrte er aber immer wieder nach Bremen zurück. Er blieb mit seiner Geburtsstadt in Kontakt wie auch mit seinen frühen Galeristen und Sammlern, Brigitte und Udo Seinsoth, die ein Antiquariat und eine Galerie »Beim Steinernen Kreuz« in Bremen betrieben. Seit den frühen 1980er Jahren bis zu seinem Tod war Norbert Schwontkowski seiner ersten Galerie eng verbunden. In dieser über 30-jährigen Zusammenarbeit entstand eine sehr private, intime Sammlung mit Leinwandarbeiten, aber auch einer großen Zahl von Arbeiten auf Papier, Druckgrafiken und Mappen, Künstlerbüchern und vielem mehr. Nun ist es beschlossen, dass die Sammlung zunächst als Dauerleihgabe, mit der Option einer späteren Schenkung, an die Weserburg, das Museum für Moderne Kunst in Bremen geht, um den Grundstock für eine Schwontkowski-Sammlung zu legen. Die 18-teilige Serie 9 Sonaten, 9 Soldaten erhielt das Museum bereits jetzt als Geschenk. Im Februar soll in der Weserburg ein Schwontkowski-Raum fester Bestandteil der Dauerausstellung werden.

Sabine Elsa Müller