Portrait

Plague, Installation View, Biennale de Lyon, Photo: Blaise Adilon,
Courtesy of the artist and Dürst Britt & Mayhew, The Hague

Textauszug

Puk Verkade
Ihre zur Zeit wohl bekannteste Arbeit »Plague« (2019) war erstmals in der Londoner Zabludowicz Collection zu sehen. Im Herbst 2022 wurde sie dann prominent auf der 16. Biennale de Lyon gezeigt. Sowohl das Motto der Biennale »Manifesto of Fragility« als auch der Ausstellungsort, das Guimet Museum, ein seit vielen Jahren leerstehendes, ehemaliges Naturkundemuseum voller Geheimnisse und verschütteter Geschichten, boten das perfekte Umfeld für die Präsentation dieser Videoinstallation, die dort im schummrigen Halbdunkel gezeigt wurde. Die als Skulpturen in den Realraum überführten, auch im Video auftauchenden Pommes Frites aus Pappe ragten vertikal an den Wänden auf und lenkten den Blick auf diese Installation. Zwei horizontal aufgestellte Exemplare wiederum dienten als Sitzbänke für die Betrachter:innen. Über den Raum verteilte, amorphe rote Gebilde konnten sowohl als Ketchup- wie als Blutpfützen gelesen werden. Im Vergleich dazu wurde die Arbeit im Kunstmuseum Basel | Gegenwart (24.9.2022 - 19.3.2023) recht nüchtern im klassischen White Cube präsentiert. Die überdimensionalen Pommes Frites waren auch hier in kleinen Grüppchen aufeinander geschichtet, während »Plague« als Einkanalvideo auf einem Monitor lief. In Basel war die Arbeit Teil der vielbeachteten Gruppenausstellung »Fun Feminism«. Die Ausstellung führte rund 40 Werke zeitgenössischer Künstler:innen zusammen, in denen feministische Perspektiven mit einem augenzwinkernden und humorvollen Ansatz verbunden werden. Mit etablierten Künstlerkolleginnen wie Martha Rosler, Pipilotti Rist, den Guerrilla Girls, Rosemarie Trockel oder Cindy Sherman befand sich Puck Verkade auch in Basel wieder in bester Gesellschaft.

Worum aber geht es in »Plague«? Eine ganz normale Hausfliege in Form einer Stop-Motion-Puppe dient Verkade hier als erzählende Protagonistin, die am Ende eine Hausfrau in den Wahnsinn treibt. Doch von vorne: Die Hausfrau bedient von Anfang an Klischeesspießiger Häuslichkeit. Offenbar an übertriebener Angst vor der Außenwelt leidend, hat sie sich in ihrer engen Behausung eingerichtet. Gleich zu Beginn des Videos hängt sie einen Bilderrahmen mit dem englischen Sinnspruch »Home Sweet Home« an die Wand. Dieses Bild wird jedoch im nächsten Moment schon zu einem digitalen Screen, der Einblicke in die Welt außerhalb dieses »trauten Heims« gibt. Wir begegnen nun der Fliege, die sich ganz und gar fliegentypisch an einem großen Kothaufen zu schaffen macht, während sie in Reimen über größere Weltzusammenhänge philosophiert. Im nächsten Moment jedoch ist sie bereits schon im Haus und treibt die Hausfrau in die Enge. Angesichts der Tatsache, dass sie von weiteren Fliegen nur so umschwirrt wird, greift diese zum Telefon, um den Kammerjäger zu bestellen. Ein mit vielen Slapstick-Elementen angereicherter Kampf um Leben und Tod beginnt.

Im Zentrum der neueren Videoarbeit »Unborn« (2021) steht eine weibliche Taube, dargestellt von der Künstlerin selbst. Sie trägt eine Vogelmaske aus grauem Latex, aus deren Augenhöhlen gelbe Augen mit langen schwarzen Wimpern hervorlugen, und einen engen Samtanzug mit grauen Federarmen. Die Protagonistin hadert mit einer möglichen Mutterschaft und wird von einer bösartigen Krähe bedroht. Dennoch baut sie sich ein Nest. Auf humorvolle Art und Weise werden hier Fragen nach der Autonomie weiblicher Körper, stereotyper Geschlechterrollen und dem Recht auf Verweigerung von Mutterschaft beziehungsweise auf Abtreibung verhandelt. An einer Stelle des Videos wird die Taube gar zur politischen Aktivistin, indem sie ein Pappschild mit dem seit den späten 1960er Jahren verwendeten feministischen Slogan »My Body – My Choice« hochhält. Die Krähe hingegen kommuniziert unterstützt von comicartigen Sprechblasen. Das aus dem Ei geschlüpfte Vogelbaby kommt als hybrides, schwarzes Kuckuckskind daher: eine schreiende Minikrähe im schneeweißen Strampelanzug, in einem weißen Gitterbettchen liegend. Ihr permanentes monsterhaftes Schreien, eine Überlagerung von Mensch- und Tiergeräuschen, ist fast unerträglich. »Rosemary’s Baby« lässt grüßen. Alle Wesen sprechen auch hier in Reimen. Die kleine Geschichte funktioniert wie eine Tierfabel im Sinne des französischen Dichters Jean de La Fontaine (1621-1695) mit Moralanklängen und einer direkten Übertragbarkeit auf menschliche Gebärden und Handlungsmuster. Puck Verkade hat sich aber noch ein zusätzliches Identifikationsangebot ausgedacht. In Ausstellungssituationen können die Betrachter:innen die Arbeit aus einem überlebensgroßen Nest aus Wellpappe heraus betrachten, das die Künstlerin als unkonventionelles, skulpturales Sitzmöbel bereitstellt.

Warum aber funktionieren mit Humor unterfütterte künstlerische Arbeiten überhaupt? Die Mainzer Kunsttheoretikerin Linda Hentschel wagt folgende These: »Das Lachen spricht die nichtoffizielle Wahrheit, und diese ist in einem System, das sich über Differenzierung, Oppositionierung und Hierarchisierung stabilisiert, die von ihm mitproduzierte, jedoch verheimlichte Ambivalenz der Dinge. Lachen hält sich an den Rändern und Grenzen eines gesellschaftlichen Machtapparates auf, indem es das aus ihm Ausgeschlossene und Tabuisierte wieder einführt«. Puck Verkade gelingt es insbesondere in ihren neueren Arbeiten ein ums andere Mal, den schmalen Grat zwischen Slapstick und Gesellschaftskritik fein auszutarieren. Mit unterschwelligem Humor und scheinbar kindlicher Verspieltheit entlarvt sie patriarchalische Strukturen und Genderstereotypen. Dabei bietet sie den Betrachter:innen ihrer Werke alternative Perspektiven an, ohne sie jedoch besserwisserisch oder gouvernantenhaft zu belehren.

Nicole Büsing / Heiko Klaas