Portrait

Sleeping Throat, Bitter Thirst, Kestner Gesellschaft,
© Foto: Raimund Zakowski, Courtesy Joanna Piotrowska, Southard Reid, London

Textauszug

Joanna Piotrowska
Das Wohnzimmer als Schauplatz ihrer Bilder ist immer auch ein Tatort, den es genau zu inspizieren gilt. Dass Piotrowska für die Farbe des Teppichs und der Vorhänge ihres Raums in der Kestner Gesellschaft die Farbe menschlicher Haut gewählt hat, ist kein Zufall. Wie die Handelnden ihrer Bilder in ihren Wohnzimmern nicht nur Schutz und Sicherheit finden, sondern in deren Architekturen auch eingesperrt sind, so sind sie auch Gefangene ihrer eigenen Haut, aus der sie, wie es sprichwörtlich heißt, nicht herauskommen. Weder aus ihren Traumatisierungen und Schmerzen noch aus ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen. Das wird auch in den Titeln deutlich, die Piotrowska für ihre Werke wählt. Ihre einzelnen Bilder präsentiert sie stets ohne Titel im Gegensatz zu ihren Werkserien und Ausstellungen. Für eine frühe Fotoserie, die 2014 in London als Buch herauskam und mit dem First Book Award ausgezeichnet wurde, suchte sie das im Englischen umgangssprachliche, aber eher selten gebrauchte »Frowst« als Titel aus.

Eine ähnliche Ambivalenz bestimmt auch eine neuere Serie von Bildern, die Piotrowska in diesem Jahr in Prag aufgenommen hat und in denen es um die Beziehungen dreier junger Brüder geht. In einer Aufnahme liegt einer der Brüder, lang ausgestreckt, bäuchlings auf einem Doppelbett. Sein Kopf ist der Kamera zugewandt, der Blick geht an der Linse vorbei und scheint nach innen zu schauen. Sein Bruder kniet längsseits und blickt auf den Kopf des Liegenden herunter, ohne ihn zu berühren. Am anderen Ende des Bildes sieht man eine Hand, vermutlich die des dritten Bruders, die linke Kniekehle des liegenden Bruders umfassen. Ein seltsamer Effekt ist für den Betrachter die Folge. Der anwesende Bruder am Kopfende scheint merkwürdig abwesend und distanziert zu sein, der unsichtbare Bruder hingegen präsent und zugewandt. Indes ist seine Geste auch etwas zögerlich und beiläufig, während der Bruder am Kopfende, obwohl er vor dem Liegenden kniet, diesen eher skeptisch studiert, als sich ihm wahrhaft zuzuwenden. Haltungen und Posen erscheinen als widersprüchlich. Die Körpersprache in den Bildern von Piotrowska stellt uns immer wieder vor Rätsel. Wie ist sie zu entschlüsseln? Was ist wahr, was falsch? Was Sein, was Schein? Ganz offenbar geht es ihr um eine solche Eindeutigkeit gar nicht. Wohl, weil sie der Komplexität des Lebens nicht gerecht wird.

Ähnlich verhält es sich mit der Exegese der Fotografien von Joanna Piotrowska. Und ähnlich auch mit ihrer Machart. Die Bilder der Künstlerin sind bis ins kleinste Detail genau geplant und inszeniert. Nichts in ihnen ist zufällig, überall waltet die Hand der Fotografin. Bei der Stärke des Lichts, beim Bildausschnitt, bei der Wahl der Protagonistinnen und Protagonisten, bei der Entscheidung für die analoge Aufnahmetechnik und für das Schwarz-Weiß der Aufnahmen. Für das Schwarz-Weiß hat sich Piotrowska entschieden, um ihren Bildern eine dokumentarische Anmutung zu geben, als habe sie sie gefunden und nicht inszeniert, was dem Betrachter im selben Atemzug, im Vertrauen auf ihren visuellen Wahrheitsgehalt, eine größere Entschlüsselungsanstrengung abverlangt. Dieses Vertrauen in die Objektivität der schwarzweißen Fotografie ist eines der großen Paradoxe der Bildwissenschaft, stellt sich die Welt doch farbig dar und nicht in Schwarz und Weiß. Doch die visuelle Reduktion führt dazu, dass wir auf diese Weise die Linien und Strukturen des Bildgeschehens deutlicher wahrnehmen und so eher auf seinen platonischen Kern kommen. Wir erfassen, was wir sehen more geometrico, in rationaler Weise. Das erinnert an den alten Renaissancestreit zwischen den Akademien von Florenz und Venedig, was Vorrang haben sollte in der Malerei: Farbe oder Linie? Was schon damals auch die Frage implizierte, ob wir uns der Welt eher durch das Prisma des Gefühls (Farbe) oder mit Hilfe der Parameter des Verstandes (Linie) bemächtigen sollten. Piotrowska führt diesen Antagonismus in ihren Werken in wundersamer Weise zusammen. Nur mit der scharfen Klinge ihres analytischen Blicks und ohne die Gefühlswerte der Farbe rührt sie an unser Gefühl, während sie zugleich unser detektivisch logisches Vermögen herausfordert, um zu erkennen, was auf ihren Bildern vorgeht.

Auch für Joanna Piotrowskas Werkserie der »Shelters«, der Schutzräume, dient das Wohnzimmer zumeist als Schauplatz der Handlung. Inspiriert wurden die Bilder von der Beobachtung der Künstlerin, wie sich Kinder im Freien, aber auch in ihren Zimmern gern Verstecke und Höhlen bauen, um sich dort den Blicken und der Kontrolle der Eltern und Erwachsenen zu entziehen. Einen Raum, über den sie ganz allein verfügen. Zugleich ist es ein notwendiges Spiel, eine Art von Initiation, eine Einübung, um selbstständig und erwachsen zu werden. Der Ort ist transitorisch, ein Haus im Haus, wo man einerseits noch beschützt wird und andererseits lernt, sich selbst zu beschützen, oder sich der Vorstellung hingibt, dass dies möglich ist. Es herrscht in den Werken eine ähnlich ambivalente Situation wie in Piotrowskas fotografischen Studien über Berührungen, die ebenfalls mit tiefen Sehnsüchten und Ängsten verknüpft sind. Mit dem Wunsch, geliebt und behütet, und mit der Furcht, angegriffen und verletzt zu werden. Die Regieanweisungen für ihre »Shelters« sind einfach und, wo immer in der Welt Piotrowska sie fotografiert, stets dieselben: Die Akteurinnen und Akteure bauen Schutzräume ihrer Wahl und bewohnen sie für die Zeit der Aufnahme, nach ihrem eigenen Geschmack gekleidet und dabei eine Position nach ihrem Wunsch einnehmend. Eine Frau hat es sich daraufhin im Freien in einer südländischen Landschaft unter einem zwischen zwei Säulen aufgespannten Zeltdach bequem gemacht. Dort liegt sie souverän und entspannt in Rückenlage auf einer mit Kissen bestückten Decke und schaut sinnend in den Himmel, um sich herum Getränke und Bücher. Ein Mann hat dagegen Schutz in seiner Wohnung gesucht. Sie ist klinisch sauber, penibel aufgeräumt, und genauso sorgsam gestaltet ist auch sein Refugium unter dem Schreibtisch. Der Mann ist äußerst korrekt gekleidet, als habe er gleich eine Arbeitssitzung zu absolvieren. Nur die von seinen Achseln stammenden Schweißflecken auf dem Hemd verraten seine Anspannung. Der absurde Witz, dass sich Erwachsene Schutzräume wie die von Kindern bauen, verbindet sich hier mit der erhellenden Einsicht, dass sie nichts weniger als gebaute Selbstporträts sind. Um von den politischen Implikationen dieser prekären und provisorischen Werke wie der Suche vieler Menschen nach Asyl gar nicht erst zu sprechen.

Michael Stoeber