Portrait

Who has who?, 2019, Found sculptures, bracelets, cold smoked abalone,metal, fog machine, dog, 35,6 x 30,5 x 43,2 cm | 14 x 12 x 17 inches, House: 15,2 x 16,5 x 20,3 cm | 6 x 6.5 x 8 inches, Base: 92 x 65,8 x 65,8 cm, Courtesy the artist, Sies + Höke, Düsseldorf, Photo: Achim Kukulies

Textauszug

Ajay kurian
Seine anspielungsreichen Arbeiten weisen dabei allerdings über tagespolitische
Kommentare mit begrenzter Halbwertzeit weit hinaus.
Was Kurian mit immer wieder überraschend neuen Bildfindungen enthüllt,
ist die durch Verrohungstendenzen in der realen, ebenso wie der
digitalen Welt ins Wanken geratene, demokratische Grundkonstitution
der USA. Kindheitstraumata, Rassismus, Repräsentation von Macht,
Konsum und Gewalt brechen sich in seinem Werk auf vielgestaltige Art
und Weise Bahn. Doch auch den Kunst- und Kulturbetrieb betrachtet
er als einen gesellschaftlichen Bereich, der zunehmend von dunklen,
antidemokratischen Mächten usurpiert wird. In einem Text für die
März-Ausgabe des Magazins »Artforum« schreibt er: »Ich mache mir
über unsere gegenwärtige Situation Gedanken, und ich komme zu der
Feststellung, dass der Faschismus an Fahrt aufnimmt und sich zunehmend
auch der angeblich so ‘freien’ und demokratischen Kunstwelt bemächtigt.
Der Kulturbetrieb ist ein Schlachtfeld wie alle anderen.« Das
Politische versteht Kurian auf geradezu unnachahmliche Art und Weise
mit dem Poetischen, dem Unheimlichen und den verschütteten Ängsten
des Individuums und der Gesellschaft zu amalgamieren.

In der nur wenige Monate zurückliegenden Ausstellung »Possessions«,
die von November 2019 bis Januar 2020 bei Sies + Höke in Düsseldorf
zu sehen war, verwandelte Ajay Kurian den abgedunkelten Galerieraum in
ein dystopisches Ambiente. Die Welt, in der wir leben, ist seitdem durch
die weltweite und insbesondere in den USA mit verheerender Wirkung
zuschlagende Corona-Pandemie weiter ins Wanken geraten. Kurians
Ausstellung fand zwar »nur« vor dem Hintergrund der Klimakrise, der
Umweltkatastrophen und dem Anstieg der Meeresspiegel statt. Aus
heutiger Perspektive betrachtet, erhält sie jedoch eine zusätzliche, fast
schon prophetische Brisanz.

Die in der Ausstellung präsentierte Arbeit »Who has who?« (2019)
besteht aus einer gefundenen, an der Schnauze beschädigten
Skulptur eines jungen Hundes. An der Schnauze hängen zwei rosafarbene
Freundschaftsarmbänder. Dabei handelt es sich um selbstgemachte
Armbänder mit aufgefädelten Buchstaben. Auf beiden formuliert ist die
Frage »Who has who« (Wer hat wen), umrahmt von blauen Herzchen.
Bereits diese Arbeit greift subtile Mechanismen der interpersonellen
Besitzergreifung auf, wie es auch der Titel der Ausstellung »Possessions«
(Besitztümer) nahelegte.

Der Hund wiederum trägt ein ledernes Halsband. Eine subtile Geste der
Inbesitznahme übt auch der Hund selbst aus, indem er seine linke Pfote
in ein ebenfalls gefundenes, kleines, durch Feuereinwirkung partiell
zerstörtes Spielzeughäuschen legt. In dem Haus wiederum befindet sich
die Schale einer Abalone. Auf der farblich changierenden Oberfläche
der Abalonenschale hat Ajay Kurian eine Schaf- und eine Lammfigur im
Miniaturformat platziert. In den Sockel dieser Arbeit hat der Künstler
einen Mechanismus integriert, der das gesamte Ensemble von Zeit zu
Zeit in dichte, rauchartige Wolken hüllt. So werden Assoziationen an
eine Brandkatastrophe geweckt.

Ajay Kurian legt mit seinen stark metaphorisch aufgeladenen Arbeiten
seine Finger in die offenen Wunden der amerikanischen
Gesellschaft. Seine anspielungsreichen, poetisch-narrativen Arbeiten
deuten aber zumindest die Hoffnung an, dass die Bedrohung der aus
den Fugen geratenen Welt bloß von temporärer Dauer sein könnte.
»Negativität«, so sagte der Künstler im März 2019 in einem Roundtable-
Gespräch mit dem Frieze Magazine, »ist etwas absolut Notwendiges,
ber ohne Kontext kann sie zum Motor der Unterdrückung werden.
Diese Gefahr lässt sich nicht umschiffen. Ich denke, Negativität kann
man taktisch einsetzen. Sie sollte aber nie zum Selbstzweck werden.«
Was Kurian mit immer wieder überraschend neuen Bildfindungen
enthüllt, zeugt einerseits von einer ironisch-kritischen Distanz zu den
politisch-gesellschaftlichen Machtverhältnissen, aber auch von einem
gewissen Optimismus.

Um seine künstlerische Strategie historisch einzuordnen, macht es
sicherlich Sinn, den von den internationalen, aber primär
französisch dominierten Avantgardebewegungen um Guy Debord
»L’Internationale lettriste« beziehungsweise »Situationistische Internationale
(SI)« verwendeten Begriff des »détournement« in Erinnerung
zu rufen.

Es lassen sich Verbindungen zwischen der Denkweise und den künstlerischen
Strategien Ajay Kurians und der konzeptuellen Praxis des
mit ihm befreundeten New Yorker Künstlers Jordan Wolfson herstellen,
über den im Artist Kunstmagazin, Heft 89, 2011 ein Künstlerporträt erschienen
ist. So analysierte Ajay Kurian im Jahr 2016, wenige Tage nach
der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten, in seinem
Text »The Ballett of White Victimhood« die Arbeit »Colored Sculpture«
von Jordan Wolfson und kam darin zu folgender Feststellung über die
sogenannte »Schweigende Mehrheit«: »…ein bestimmter Typ weißer
Männer, der von sich behauptet, unterdrückt zu werden, und dabei
doch in Wirklichkeit selbst der Aggressor ist.« Die fatale gegenwärtige
Verfassung der amerikanischen Politik und Gesellschaft, aber auch die
darauf abstrahlenden Auswirkungen auf den Kunstbetrieb werden politisch
wache Künstler wie Ajay Kurian oder Jordan Wolfson wohl auch
in Zukunft kaum zur Ruhe kommen lassen.

Nicole Büsing / Heiko Klaas