Artist Ausgabe Nr. 117

Portraits

David Moses | Erika Hock | Roman Signer | Stefanie Klingemann

Interview

Janneke de Vries

Page

Almut Linde

Edition

Erika Hock

Portrait

Standbilder, Tableaux vivantes, © und Archiv Stefanie Klingemann

Textauszug

Stefanie Klingemann
Wer ist diese Künstlerin, die wie keine andere sowohl die Künstler-szene als auch den Öffentlichen Raum als ihr ureigenes Arbeitsfeld betrachtet? Stefanie Klingemann wurde 1977 in Moers geboren und studierte bei Maik und Dirk Löbbert Skulptur und Kunst im Öffentlichen Raum. Nach einem Stipendium an der Kunsthochschule in Genf studierte sie Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien in Köln, wo sie ihr postgraduales Diplom zum Thema »Wiederholung der Wiederholung in der Kunst des 20. + 21. Jhdts.« abschloss. Dass sie sich in jungen Jahren viel mit Theater und »Inszenierung von Welt« beschäftigte, prägt ihre Arbeit bis heute. Schon ihre frühen »Standbilder« waren Performances im Öffentlichen Raum, die als »Ortsbezogene Bilder« in einem ein bis zwei Stunden andauernden Zeitraum zur Aufführung kamen. In Bezug zu dem jeweiligen Standort schlüpfte Klingemann dafür in unterschiedliche Rollen, die ortstypische Klischees wie das »Funkemariechen« (»Alaaf«), die Freiheitsstatue (»Miss Liberty«) oder eine gestresste New Yorkerin (»Taxi«) auf ihre Wirkung testeten.

Während sich bei »Boom Boom« die Performance von dem üblichen Verhalten kaum unterscheidet und für viele zufällige Beobachter, wenn überhaupt, erst im Laufe der Zeit als Persiflage wahrgenommen wird, setzen sich andere Performances von Stefanie Klingemann stark von Alltagserfahrungen ab und zitieren Kunstformen wie Zeichnung oder Malerei. Die Frage nach der Unterscheidung zwischen dem alltäglichen Verhalten und dem Kunstschaffen wird hier schärfer konturiert. Wo liegt die Grenze? In »CARAMBA« versucht Klingemann in einer Doppelgarage zu wenden. Von der schweißtreibenden Manövrierarbeit bleiben nur die Spuren des Reifenabriebs auf dem Boden zurück. Wird die Aktion kunstwürdiger, wenn man diese Spuren zur Bodenzeichnung erhebt, oder ist die Bodenzeichnung sogar die eigentliche Kunst? Im Museum Kunstpalast treibt Stefanie Klingemann den medienreflektierenden Ansatz auf die Spitze: Sie holt das Auto in das Museum und »malt« vor Ort auf die Wand, indem sie an der Wand entlangschrammt. Das so entstandene Werk »Painting (red), Autolack und Reifenabrieb auf Wand«, bricht gleich mit mehreren Tabus. Jenseits simpler »Reifenspuren im Schnee«-Ästhetik schafft es das technische Gerät Auto zur malerischen Intervention; es entweiht den vom Alltag entrückten Kunstraum und fügt ihm doch etwas hinzu.

Bei Stefanie Klingemann herrscht oft eine ganz eigentümliche Mischung aus tiefem Ernst und einer ans Absurde grenzenden Komik. Vor allem sind ihre Performances durch eine starke Emotionalität geprägt, die sich auch auf das Publikum überträgt. Heiterkeitsausbrüche kommen als Reaktionen ebenso vor wie beklemmtes Schweigen. Die Trennung zwischen Kunst und Leben verschwimmt. Ihre Inszenierungen wirken echt, wie wirklich gelebt, und können sie schon mal bis zur völligen Erschöpfung fordern. Wenn es beispielsweise so sportlich zugeht wie in »Trimm Dich«, einer Performance, die sich über 7 Stunden erstreckte. Einerseits konterkarierte die extrem lange Dauer die besondere Situation der »Vorgebirgspark Skulptur« in Köln, die als Kunstaktion für nur einen Tag konzipiert ist. Andererseits verzichtete sie durch die Konzentrierung auf den eigenen Körper auf zusätzliche Objekte, deren Mehrwert in einem durch vielfältige Möblierung wie Bänke, Einfassungen, Teich, Sockel, Rankgerüste etc. bereits übermäßig »gestalteten« Park ohnehin fraglich erscheint. Kunst ist eben eine Frage der Haltung. Stefanie Klingemann kommuniziert ihre Haltung über kooperative Formate wie MOFF und 10qm und über ihre Handlung im Öffentlichen Raum.

Sabine Elsa Müller