vergriffen

Artist Ausgabe Nr. 35

Portraits

Angela Bulloch | Lois Renner | Johannes Spehr | Gregor Schneider | Olafur Eliasson | Beat Zoderer

Interview

Wilhelm Schürmann

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Jochen Lempert

Künstlerbeilage

Karin Hoerler

Interview

Wilhelm Schürmann, Foto: Julia Scher

Textauszug

Wilhelm Schürmann
J.K.: Hans Grothe hat mir in einem Interview gesagt, er möchte für sich das Große und Dramatische aus der Kunst herausnehmen und könne sich auch vorstellen, ohne Kunst zu leben. Ist für Sie die Kunst eine Obsession, ohne die ihr Leben keinen Sinn macht?

W.S.: Da ist ja schon das Pathos. Mich interessiert Kunst, wo das Pathetische schon verschwunden ist. Ich bin kein Freund von Bildern, die als Jagdtrophäe ein Sofa dekorieren. Als Sammler bin ich überhaupt nur zur Kunst gelangt, weil mir die Mentalität eines Martin Kippenberger begegnet ist, der das Heroische der Kunst mit Füßen getreten hat. Dieser Typ von Künstler hat den Sockel, auf dem diese Heldendefinition vorgeführt wurde, umgestoßen. Das war eine echte Befreiung, die es mir erst ermöglichte, Kunst zu sammeln.

J.K.: Nach Reiner Speck macht Sammeln krank, führt zu Familienstreitigkeiten, schlaflosen Nächten und Schulden, Wollen Sie diese Erfahrung für sich bestätigen?

W.S.: Leiden warum, leiden wozu? Nein. Die Beschäftigung mit Kunst ist für mich ein ganz lüsternes Moment und hat deshalb manchmal etwas Obszönes, aber das ist das Schöne daran. Dieses Lustvolle damit umgehen können ist ein wesentliches Moment, um zu sammeln. Es ist auch notwendig, diese Dinge um mich zu haben und sehen zu können, daß bestimmte Wirkungsweisen nach zehn Jahren noch so frisch sind wie am ersten Tag. Doch würde ich mich nie für ein Kunstwerk verschulden. Zunehmend stellt sich überhaupt für mich die Frage, was eigentlich Kunst im Verhältnis zum privaten Besitz heißt. Der Besitz ist mir unwichtiger geworden. ...

J.K.: Wollen Sie zum Abschluß unserer Diskussion noch einen Aspekt hervorheben?

W.S.: Es amüsiert mich immer wieder, wie klischeehaft Vorstellungen davon sind, was Sammler sind, und was sie dürfen und was nicht. Es macht Spaß, damit zu spielen. Ich will damit umgehen, warum und wann ich die Dinge anders sehe als zuvor. Für mich ist Kunst ein System, das sich eben nicht mit Sicherheitskriterien umgeben darf und jeder, der diese Sicherheit anstrebt, läuft schnell in Fallen. Ängstlichkeit ist einfach lächerlich in der Kunst. Kunst ist immer angetreten, die Erwartungen, was Kunst ist, mit Füßen zu treten, um auf dem Teppich zu bleiben, von Albert Oehlen...

Joachim Kreibohm