Artist Ausgabe Nr. 104

Portraits

Renzo Martens | Trevor Paglen | Achim Bitter | La Biennale die Venezia 2015 | Nan Goldin

Interview

Daniel Marzona

Page

Wolfgang Michael

Essay

Textauszug

»Zensur?«
Jüngst war in der Berliner Neuen Gesellschaft für bildende Kunst die Ausstellung »Verbotene Bilder« zu sehen. Ihr Thema: »Kontrolle und Zensur in den Demokratien Ostasiens«, wie schon der Untertitel der spannenden Ausstellung sagt. Gleichzeitig aber ereigneten sich etwas überraschend auch in den Demokratien Westeuropas zwei aufsehenerregende Fälle von »Kontrolle und Zensur« in der Kunstwelt. So wurde in Barcelona im renommierten Museum »Macba« eine Arbeit der österreichischen Künstlerin Ines Doujak auf Anweisung des Museumsdirektors Bartomeu Mari aus der Ausstellung »Die Bestie und der Souverän« entfernt – gegen den Willen der beiden Kuratoren der Ausstellung. Die provokative Skulptur Doujaks zeigte einen Mann, dessen Äußeres an den spanischen Ex-König Juan Carlos erinnern kann, in einem sexuellen Akt gleichzeitig mit einer bolivianischen Aktivistin und einem deutschen Schäferhund. Die umstrittene Entfernung der Arbeit hatte u. a. zur Folge, dass der Museumsdirektor und die Kuratoren der Ausstellung ihre Ämter verloren. Später wurde die Skulptur dann wieder aufgestellt. Kurz nach diesem skandalträchtigen Vorfall wurde auf der Venedig Biennale der Isländische Pavillon, in dem der Schweizer Künstler Christoph Büchel in Kooperation mit der Muslimischen Gemeinschaft in Venedig eine begehbare Moschee installiert hatte, nach wenigen Wochen von den Behörden der Lagunenstadt geschlossen. Ist das Betriebssystem Kunst also (wieder einmal) von dem Phänomen Zensur und den damit einhergehenden Momenten wie »vorauseilender Gehorsam« und vor allem der Einschränkung der Meinungsfreiheit bedroht?

Kontrolle und Zensur« aber ereignet sich immer dann prekär, wenn davon Kunst betroffen ist, die gerade wegen ihrer reflektierten Brisanz verhindert werden soll. Genau dieses findet in »unseren« kapitalistischen Staaten täglich statt und zwar mit Hilfe eines Mechanismus, der im neoliberalen System am subtilsten und gleichzeitig am nachhaltigsten kontrollierend wirkt: der Finanzierung. Das Kunstsystem im 21. Jahrhundert nämlich ist beinahe genauso kapitalistisch konstruiert wie der Rest der Gesellschaft. Eine gnadenlose, vermeintlich hedonistische Kommodifizierung gibt hier wie da den Ton an. So sind dann kommerzielle Galerien und Kunstmessen, tourismusfördernde Großausstellungen und eventorientierte Museen längst zu den für den Kunstbetrieb zentralen Orten geworden. Und diese Orte verlangen nach tendenziell massenkompatiblen und handelbaren Werken, die nicht zuletzt als Spekulationsobjekte taugen. Eine signifikante Zahl aus Berlin spricht da Bände: Gab es in den 1990er Jahren noch etwa 50 Galerien in der gerade nicht mehr geteilten Stadt, so sind es jetzt etwa 600! Diese Galerien nun, wie gesagt, tun sich schwer mit jedweder Kunst, die auf einen werkbezogenen Charakter verzichtet, so ist es kein Zufall, dass Performancekunst in Berlin immer mehr nicht in den Kunstinstitutionen der Spreemetropole stattfindet, sondern quasi ausgelagert ist in deren Theaterbetrieb, etwa in das Gorki-Theater oder dem HAU (Hebbel am Ufer). Gleiches gilt auch für gesellschaftskritischen Kunst-Aktivismus, der, wenn überhaupt, seinen finanzierten Platz eben dort findet. Diese Tendenz hat Folgen, erschwert sie nämlich den davon betroffenen Protagonisten schlichtweg das Überleben.

Die Berlin Biennale 7 setzte 2012, es war die glorreiche Ausnahme für diesen Ausschluss, dezidiert auf globalisierungskritischen Kunst-Aktivismus, lud z. B. Renzo Martens, Jonas Staal sowie die New Yorker Künstlergruppe »Museum Occupy« an die Spree. Mehrere Monate residierte letztere in den KunstWerken und veranstaltete dort Performances, Vorträge, Diskussionen und Demonstrationen.

Die Möglichkeit finanziell überleben zu können entscheidet heute darüber, was in der Öffentlichkeit sichtbar und im wahrsten Sinne des Wortes wirklich ist. Wer von dieser Möglichkeit ausgeschlossen ist, dem wird die Option zu Diskussion und Diskurs genommen – mit den Begriffen »Kontrolle und Zensur« ließe sich dieser Zustand durchaus treffend benennen. Der US-amerikanische Künstler, Aktivist und Publizist Gregory Sholette jedenfalls hat für politisch-aktivistische Kunst in seinem gleichnamigen Buch das verbale Bild »Dark Matter« gefunden: Diese Kunst ist eine dunkle Materie, die immer da ist, aber unsichtbar bleibt.

Raimar Stange