vergriffen

Artist Ausgabe Nr. 93

Portraits

Hans Op de Beeck | Christian Helwing | Vlassis Caniaris | Gillian Wearing | Elianna Renner

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Hartmut Neumann

Edition

Stefan Panhans

Portrait

Cheerleading, Filmstill, Video-Installation, 2012, Fotos: Manja Herrmann

Textauszug

Elianna Renner
Elianna Renner ist eine Geschichts- und Geschichtenerzählerin. Sie verfolgt Erinnerungsstränge, die in ihrer Familie weitergetragen werden, sie knüpft an Alltagserlebnisse an, in denen sich Konflikte verdichten, in die sie als Jüdin verstrickt ist. Sie greift Zeichen und Klischees auf, die Wahrnehmung leiten und das Erkennen vernebeln. Mit Performance, (Audio-)Installation, Fotografie und Film und in konzentrierten formalen Lösungen gelingen der 1977 in Zürich geborenen Künstlerin nicht nur eindringliche Geschichten, sondern auch präzise Reflexionen von Recherche und Narration. Mit konzentrierten formalen Lösungen, in denen sie Oral History mit einer reduzierten Ästhetik verbindet, rückt sie Akteure, Orte, Szenen und das Material von Erinnerung und Erzählung, Sprache und Bild nämlich, gleichermaßen spielerisch und offen wie chiffrenreich und konturenscharf ins Licht.

Mit dem Projekt »Ein Eintausendsechshundertfünfundachtzigstel«, Fotografie und Audioinstallation, ging Renner an den Ort der
Jugend ihrer Großmutter. Nagyi Klari lebte bis 1944 in Budapest und wurde dann mit dem Kasztner-Transport erst nach Bergen-Belsen und anschließend in die Schweiz verbracht. Renner besuchte die ungarische Hauptstadt und bat Passantinnen und Passanten in der Straße, in der ihre Großmutter gelebt hatte, auf einem großen Notizzettel eine Grußbotschaft an die alte Frau zu richten. An diese Bitte schlossen sich Gespräche an, Erinnerungen wurden freigesetzt, verbunden mit Tränen aber auch ausgelassenem Lachen. Die Fotografien der Gesprächspartnerinnen mit ihren Grüßen überreichte Renner schließlich der Großmutter. Ein Audiodokument gibt deren Reaktion wieder. Die alte Frau, die bislang über ihre Jugend geschwiegen hatte, übersetzte die Grüße, mokierte sich über manchen Schreibfehler und begann schließlich zu erzählen. Die Arbeit gab den Impuls zum Titel der Ausstellung, die anlässlich des Förderpreises in der Städtischen Galerie Bremen ausgerichtet wurde: »Bobe Mayses«, was mit »Omas Erzählungen« übersetzt werden könnte, aber auch mit »Geschichten erzählen« im Sinne von Erfindungen, im Sinne von »einen Bären aufbinden«. Fund und Erfindung liegen in den Arbeiten Renners wie in jeder Erinnerung stets eng beieinander, ebenso Ernst und Humor. Hinter einer vermeintlich einfachen, in jedem Fall klaren und übersichtlichen Oberfläche öffnet sich ein weiter Assoziations- und Gedächtnisraum.

Mit der vierteiligen Video-Installation »Cheerleading« bietet Renner auch eine sehr spezielle, quer zum historiographischen Mainstream liegende Form an, Persönlichkeiten der Geschichte in das aktuelle Bewusstsein zu rücken und Erinnerungsarbeit selbst zur Disposition zu stellen. Es klingt und sieht aus wie das bekannte kreischige US-amerikanische Anfeuerungsspektakel. Junge Frauen im sportiven Einheitsdress schwingen Pompons, zelebrieren Moves und schmettern Buchstabenfolgen. In Renners Filmen skandieren die SportSchau-Mädels aber keine Aufbau-Slogans für Teams, sondern cheeren die Namen von Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und Frauenrechtsaktivistinnen. Die Gegenüberstellung der Videos suggeriert eine wechselseitige Anfeuerung der Cheerleader. Schon charmant, die weiblichen Größen von einst so leichtfüßig und fröhlich gefeiert zu sehen und zu hören, zudem von nachgeborenen Schwestern, denen wohl eher kein historisch-politisches Bewusstsein und keine feministische Optik zugeschrieben werden. Vita und Leistung von Frauen in Erinnerung zu rufen, nimmt die Künstlerin hier ziemlich wörtlich. In der offenen und öffentlichen Form wird die Strategie der Künstlerin erkennbar, keine hehren und herkömmlichen Monumente für große oder zu Unrecht vergessene Namen zu errichten, sondern die Erinnerung immer wieder neu durchzubuchstabieren und im Fluss zu halten, das Leben der historischen Figuren immer wieder neu zu lesen, deren Leistungen keinem Dogma und keiner starren gesellschaftspolitischen Perspektive unterzuordnen.

Rainer Bessling