Artist Ausgabe Nr. 88

Portraits

Katarina Seda | Franziska C. Metzger | Fabrice Samyn | Rosemarie Trockel | Stefan Wissel

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Zilla Leutenegger

Künstlerbeilage

Dirk Dietrich Hennig

Portrait

Ausstellungsansicht Katerina Šedá »It’s Too Late In The Day«, Künstlerhaus Bremen 2011, Foto: Tobias Hübel

Textauszug

Katarina Seda
In genau diesem Spannungsfeld von Ost und West, Kapitalismus und Individuum sowie von Grenze und deren Überwindung ereignet sich die Kunst von Katerina Šedá, z. B. ihr partizipatorisches Projekt »Over and Over«, 2008, das sie im selben Jahr auf der 5. berlin biennale erstmals präsentierte. Der Künstlerin ist damals aufgefallen, dass in ihrem tschechischen Heimatort Lisen die Zäune und Mauern in den letzten Jahren immer höher wurden. Der Grund dafür war offensichtlich, lag nämlich in der zunehmenden Kapitalisierung des Landes und und der daraus resultierenden Zunahme an Privateigentum und sozialer Ungerechtigkeit. All dieses führte zu dem Bedürfnis der Ortsbewohner das endlich Neugewonnene vor weniger »ErfolgREICHEN« zu schützen.

Diese strikten Grenzziehungen in Lisen brachten einschneidende Veränderungen mit sich, so sahen sich die Bewohner hinter ihren neu gezogenen Wänden, ihrer Vorform von »gated communities«, nicht mehr so oft, die Kommunikation untereinander wurde schwieriger, genau wie das Durchlaufen des Ortes. Katerina Šedá wollte auf diesen Prozess der asozialen »Privatisierung« mit ihrer Kunst reagieren und initiierte also ihr engagiertes Projekt »Over and Over«, das aus mehreren Etappen bestand. Zunächst zog sie eine imaginäre Linie durch den Ort, und zwar vom Bahnhof des Dorfes bis hin zu dem Haus ihrer Familie. Diese Linie durchzog knapp 100 Grundstücke im Privatbesitz. Šedá versuchte nun diese Linie abzulaufen und die Abgrenzungen der Grundstücke im Einvernehmen mit den Besitzern zu überwinden, was sich überaus schwierig erwies. Darum setzte die Künstlerin einen kommunikativen Austausch mit den jeweiligen Anwohnern in Gang, der Ideen entwickeln sollte, wie sich das Problem der voranschreitenden Privatisierung von öffentlichem Raum lösen lassen könnte.

Ein gutes Beispiel für diese Arbeitsweise ist auch ihr Langzeitprojekt »It‘s too late in the day«, 2011, das die Künstlerin jüngst im Künstlerhaus Bremen zeigte. Auch hier spielt sich das prekäre Geschehen mitten im Bermudadreieck von Globalisierung, ehemaligem Ostblock und den »wirklichen Menschen« ab. Diesmal stehen der tschechische Ort Nosovice und seine Bewohner im Mittelpunkt der Arbeit, die an ihr Projekt »No light - a new pattern on a czech field«, 2010, anschließt. 2003 wurde der Bau einer Hyundai-Automobilfabrik in Nosovice beschlossen, es war die erste Hyundai-Fabrik in Europa. Der Baubeginn aber verzögerte sich noch bis Anfang 2006, denn viele Anwohner weigerten sich zunächst ihre dafür notwendigen Grundstücke zu verkaufen, anonyme Morddrohungen halfen letztlich nach …

Raimar Stange