Artist Ausgabe Nr. 43

Portraits

OLAF NICOLAI | RUPPRECHT MATTHIES |  Björn Dahlem | GISELA KLEINLICH | Lothar Ebner |  JASON RHOADES

Interview

Meyer Rieger

Page

Christian Flamm

Polemik

Stephan Berg

Künstlerbeilage

Anny Öztürk

Portrait

Textauszug

OLAF NICOLAI
Szenenwechsel: Ein Ortsbezug ist auch für die Installation »Labgrinth« (1998] wesentlich. Mitten in der grünen Parklandschaft »La Courneuve« in dem Pariser Vorort Saint Denis hat Olaf Nicolai einen quadratischen, ca. 10 x 10 m großen, natürlich erscheinenden lrrgarten installiert. Doch die die lrrgänge markierenden, etwa 80 cm hohen »Pflanzen« erweisen sich auf den zweiten Blick als Besen für die hiesige Straßenreinigung und sind aus leuchtend grünen Plastikimitaten hergestellt. Der lrrgarten mit seiner jahrhundertealten Tradition, die besonders in der barocken Gartenbaukunst wichtig war -stellt eine Ordnung unterstellende Struktur dar, die paradoxerweise gerade dadurch, daß sie Unordnung, eben labyrinthische Orientierungslosigkeit schafft, den devoten Ruf nach zielgerecht lesbarer Ordnung evoziert. Olaf Nicolais »Labyrinth« verstärkt diesen irritierenden Effekt bewußt durch das »Sampeln« und Gegeneinandersetzen verschiedener Matrizen. Vor allem die Semantik des lrrgartens (Nicolai bezieht sich ganz konkret auf das französische Musterbuch aus der Barockzeit »Le Thrésor Des Parterres De L´Univers Genf«, 1829, von 0. Loris) und die des Kehrbesens fallen hierbei ins Gewicht. Das scheinbar Unvereinbare von Geschichte und Gegenwart, Unordnung und Ordnung, Natürlich- und Künstlichkeit, das von (sauberem) Garten und (dreckiger) Straße, schließlich das von wochenendlichem Vergnügen und alltäglicher Arbeit treffen hier aufeinander, um neue Grammatiken zu generieren, die eben nicht von obrigkeitsstaatlicher Eindeutigkeit geprägt sind...

Raimar Stange