vergriffen

Artist Ausgabe Nr. 111

Portraits

Bethan Huws | Alexandra Bircken | Julian Öffler | Annette Kelm | Katja Aufleger

Interview

Christina Végh

Page

Arne Schmitt

Edition

Arne Schmitt

Portrait

An art performance, 2012, 11:18 min, HD-Video, Der Künstler stolpert und fällt zu Boden. Mit der unkontrollierten Bewegung endet die Performance, Filmstill

Textauszug

Julian Öffler
»State of the Art« - das Video im 4k-Format aus dem Jahr 2016 gibt sich technisch auf der Höhe der Zeit. Aber was zeichnet Zeitgenossenschaft in künstlerischer Hinsicht aus? Julian Öffler stellt diese Frage ins Zentrum seiner gesamten Arbeit und geht ihr in ebenso facettenreicher wie tiefenscharfer Reflexion der medienspezifischen Eigenheiten des bewegten Bildes nach. Sein Werk summiert sich zu einer feinsinnigen wie kritischen Binnenschau des künstlerischen Films wie auch zu einer ironischen Selbstbefragung der Spezies »Künstler«. Mit »State of the Art« ließe sich das Schaffen Öfflers, der unter anderem bei Korpys/Löffler an der Bremer Hochschule für Künste studierte, insgesamt überschreiben - eine Verheißung, ein Versprechen, ein Anspruch, eine Last, eine Spur, der der Künstler skrupulös und akribisch bohrend in allen ihren Windungen folgt.

Dass es um Kunst geht, flaggt in dem Video »State of the Art« der Protagonist in ironischer Überzeichnung mit seinem Kostüm aus: Als Körperbemalung trägt er zum Unterhosen-Feinripp ein mondriansches Farben- und Linienmuster und damit in ironischem Unterton ein ikonisches Kleid der Moderne. Dass er gewissermaßen wie aus dem Nichts in Übereinstimmung mit dem modernistischen Neustartdogma und dem Anspruch voraussetzungsloser Eigenschöpfung agiert, macht er mit Hilfe der Kulisse seines Filmes deutlich. Eine Kloake im Hinterland einer spanischen Touristenregion dient dem Darsteller als nihilistische Bühne für seine äußerlich unspektakulären Aktionen: Das Zuwasserlassen einer Banane - mag da jemand an Warhol denken? -, das Auftauchen aus einer Höhle als eröffnender, existentialistischer Akt, das Schultern eines Gegenstands.

Öfflers Film ist schnell auf die selbstreflexive Schleife gesetzt, jongliert mit verschiedenen visuellen und sprachlichen Ebenen, bricht seine diversen inhaltlichen und formalen Ebenen lustvoll ironisch, pendelt zwischen vermeintlich authentischen Berichten von den filmischen Arbeiten vor Ort und der sichtbar ausgewiesenen Postproduktion. Der Filmemacher bedient sich der Wiederholung und der Rückgriffe, destruiert die Einheit des Werkes und sprengt die vierte Wand ohne jemals Monotonie zu erzeugen. In Einschüben verlässt der Autor den ärmlichen provinziellen Schauplatz und hebt das reflektorische Geschehen auf ästhetisch und kunsttheoretisch anspruchsvolle Podien. Ein Zoom von kosmischen All-Welten auf den spanischen Filmschauplatz begleitet ein ausgreifendes Nachdenken über Fundamentalthemen wie Idee, Individuum und Vision. Dabei startet das Feuerwerk an Statements und Merksätzen mit der ironischen Attacke Robert Rauschenbergs gegen alle künstlerischen Visionäre: »Ich hasse Ideen und wenn ich trotzdem eine haben sollte, begebe ich mich in den Wald um sie zu vergessen.« Die Suada mündet in durchaus ernst erscheinenden Sentenzen, die durchaus einen Teil des künstlerischen Selbstverständnisses von Öffler widerspiegeln könnten: »Das Scheitern offenbart das System, nach dem konforme Kunst funktioniert.« »Die Idee, das Scheitern als Werkzeug zu benutzen, bewahrt vor Rechtfertigungen.« »Ein Prozess muss sich nicht verantworten, er ist notwendig für jegliche Existenz.« »Kunst sollte sich stets im Prozess befinden und wandelbar sein.« Als Kontrapunkt zu diesem ästhetischen Diskurs schwenkt der Film dann in parallelen Fenstern zu Bildern von Menschenmengen im Museum vor der Mona Lisa und zu Parolen über wahre Kunst: Von zartfühlenden Einwirkungen ist da die Rede, von Verführung und Exzellenz, von Perfektion und Anspruch. Dazu flimmern im Hintergrund die Bilder vom spanischen Brachland zwischen Betonsilos und Abwasserkanal.

Authentizität, der in diesem Zitat en passant verwendete Begriff, nimmt in einem anderen Video eine zentrale Stellung ein. In dem Streifen »An Art Performance« umkreist der Künstler einen zentralen Topos der künstlerischen Moderne: Wie lässt sich der Wille des Künstlers aushebeln? Wie lässt sich sein Tun von der Absicht abkoppeln, um so zu einer umweglosen, intuitiven und instinktiven, das heißt tendenziell authentischen Kunst zu gelangen?Das Setting des Films ist schlicht und trübe. Ein freies Feld, im Hintergrund die Silhouette einförmiger Wohnblöcke. Regenwetter, Tristesse pur. Ein einzelner Mann tritt auf und agiert hektisch auf der Stelle. Aus dem Off kommentiert eine männliche Stimme dessen äußere Bewegungen und innere Regungen. Wir erfahren, dass der Künstler die Mitte der Wiese zum geeigneten Ort für den Beginn einer Performance erklärt. Da der Boden nass ist, zieht er es vor, aufzustehen und wegzurennen. Eine Frauenstimme grätscht dazwischen: »Aber der Künstler bemerkt, dass er seinem Willen folgt, also...«

Der Künstler denkt über eine unwillkürliche Reaktion nach, aber schließen sich Zufall und Absicht nicht eigentlich aus? Er könnte zwar vom Feld flüchten, aber entkommt er damit seinen Intentionen? Das Gegenteil dessen zu tun, was sein Wille ihm ein- und aufgibt, erscheint nicht wirklich absichtslos. Der Drang zur Antithese könnte das Publikum zur ungewollten Erwartung von Außergewöhnlichem verleiten. Dem Akteur wird bewusst, dass er sich in die Widersprüche seines Willens und Tuns verstrickt.

Rainer Beßling