Artist Ausgabe Nr. 110

Portraits

Till Krause | Julian Röder | Juergen Staack | Gerrit Frohne-Brinkmann | Susan Philipsz

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Christiane Fichtner

Portrait

Aus der Serie WEI No.?8613789131953M, 2012, 125 × 207?cm, Blueback-Print und Sound, Courtesy Konrad Fischer Galerie und Künstler, Foto: Künstler

Textauszug

Juergen Staack
Angefangen hat alles mit der Fotografie. Dabei stand zunächst nicht nur die Übersetzbarkeit von Fotografie in Sprache, sondern auch die materielle Fragilität des analogen und in seiner Flüchtigkeit auch digitalen fotografischen Bildes im Vordergrund. Als ausgebildeter Fotograf und Meisterschüler von Thomas Ruff begibt sich Juergen Staack 2005 und 2006 für sein Portrait »Left behind,?...?missing pictures« auf unzählige Reisen, u.?a. nach Andorra, Marseille, Palermo, Vilnius, Kaliningrad, Boston, Kairo, Paris, Basel, Peking und New York. Insgesamt über 405 Polaroidaufnahmen entstehen auf der Straße. Die Portraitfotografien von Bewohnern einer Stadt wurden jeweils auf der nächsten Reisestation an Wänden im öffentlichen Raum hinterlassen und damit auch ihrem Schicksal überlassen. Einzig auf den Rückseiten gab es die Kontaktdaten des Künstlers, in der Hoffnung, dass einzelne der Unikate vielleicht doch zurückgesandt würden, eine Evaluierung möglich wäre. Die Reaktionen waren spärlich, der hohe Substanzverlust vorhersehbar. Interessanter dürften die Erfahrungen beim Fotoshooting und im Umgang mit illegal fixierten Bildern im öffentlichen Raum von Kairo, Peking oder New York gewesen sein; Erfahrungen, die der Künstler allerdings nicht in seiner Arbeit thematisiert.

Flüchtigkeit, Substanzverlust, die Fragilität der Materialität des fotografischen Bildes sind Themenfelder, die nun kontinuierlich weiterentwickelt werden. In einem Folgeprojekt lässt Staack Polaroids von Passanten beschreiben und gleichzeitig mit einem schwarzen Edding überzeichnen und auslöschen. Die akustischen Tondokumente präsentiert er später als Soundinstallation; die Lautsprecher, in Keilrahmen eingebaut, sind dabei mit Leinwänden überspannt. Für einen weiteren Teil der Arbeit »Transcription-Image«, läßt er den Computer dieses Tondokument in Schwarz- und Weißtöne umwandeln. Es entstehen abstrakte Bilder, deren Format von der Länge der Beschreibungen abhängt. Dann verzichtet Staack gänzlich auf fixierte Bilder, nutzt den situativen fotografischen Akt ausschließlich zur Kommunikation und wendet sich zunehmend der Sprache zu.

Transformations – und Übersetzungsprozesse gehören zum Wesen der Bildenden Kunst. Kunst rückt etwas ins Bild, das zuvor etwas Anderes war. Jedes Kunstwerk stellt einen Übersetzungsprozess dar, auch wenn dieses keinen sprachlichen Ursprung haben muss. Bei Staack werden Übersetzungsprozesse allerdings in einer ganz neuen Weise »aufgemischt« und das Modell von »Sender – Nachricht – Empfänger« durch den Einsatz unlesbarer Codes und sich auflösender Nachrichten empfindlich gestört. Die Arbeiten führen nicht nur die gravierenden Fehlstellen zwischen Wahrnehmung und Kommunikation vor, sondern auch die Grenzen bildhafter Repräsentation. Im Zeitalter einer alles beherrschenden globalen Bildkultur stellt Juergen Staack die Frage nach den bilderzeugenden Grundlagen und Elementen gänzlich neu, indem er vor paradoxerweise und völlig unspektakulär zum Zuhören auffordert. Was ist denn nun ein Bild? Wo fängt es an? Wo hört es auf? Welche Codes sind nötig, um es zu lesen? Welche gehen verloren?

Sabine Maria Schmidt